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Leverkusen/Düsseldorf
Verband sieht Skandal bei Lebenshilfe nicht als Einzelfall

Skandal um Lebenshilfe in Leverkusen
Der Fernsehsender RTL filmte in der Lebenshilfe-Werkstatt in Bürrig, wie ein Betreuer einer behinderten Frau ein Bein stellte, so dass sie stürzte. FOTO: RTL
Nach den Enthüllungen des Fernsehsenders RTL, der gefilmt hat, wie zwei Mitarbeiter der Lebenshilfe-Werkstatt in Bürrig eine behinderte junge Frau entwürdigend behandelten, sprach die Leitung der Werkstatt von Einzelfällen. Der Verband BVKM sieht das anders. Von Susanne Genath, Leverkusen

Während die Leitung der Lebenshilfe-Werkstatt nach dem Ausstrahlen der "Team Wallraff"-Sendung am 20. Februar das Verhalten der Mitarbeiter zwar zutiefst verurteilte, aber von Einzelfällen sprach und die Mitarbeiter vor die Tür setzte, sieht man es beim Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (BVKM) anders.

"Ich bin überzeugt, dass dies keine Einzelfälle sind – auch wenn ich ebenfalls überzeugt bin, dass in den meisten Einrichtungen eine hervorragende Arbeit geleistet wird", sagt BVKM-Geschäftsführer Norbert Müller-Fehling. "Die schockierenden Vorfälle als das Versagen einzelner Personen darzustellen, wäre zu billig." Und es sei tragisch, dass erst ein TV-Report diese Dinge öffentlich machen müsse.

Der Skandal, den das "Team Wallraff" aufgedeckt habe, sei zurzeit das beherrschende Thema in dem Verband, in dem sowohl Elternvereine als auch Träger von Behinderteneinrichtungen zusammengeschlossen seien. Man stehe in engem Kontakt zu Eltern. "Sie kommen sehr oft zu uns und erzählen uns Geschichten aus den Einrichtungen – positive, aber auch negative."

"Eltern berichten mir, dass Eltern überfordert sind"

Sogar Dinge, wie sie nun in der RTL-Sendung zu sehen waren, wo zum Beispiel ein Lebenshilfe-Mitarbeiter der geistig und körperlich behinderten jungen Frau ein Bein stellte, so dass sie stürzte, ein andermal sich eine vollschlanke Mitarbeiterin auf die Behinderte setzte, um sie ruhig zu stellen. "Eltern berichten mir aus verschiedenen Einrichtungen, dass Mitarbeiter überfordert sind und sich nicht sachgerecht um die zu Betreuenden kümmern", sagt Müller-Fehling.

So komme es vor, dass Menschen, die körperlich beeinträchtigt und stumm seien, geistig aber fit, in Werkstätten ruhig gestellt werden. "Da wird dann der Rollstuhl so eingekeilt, dass sich der behinderte Mensch nicht mehr bewegen kann. Das ist verboten, aber es passiert trotzdem."

Müller-Fehling sieht Verbesserungsbedarf im System. "Wir sind mit der Lebenshilfe im Gespräch, die durchaus für Veränderungen bereit ist", berichtet er. Die Veränderungen müssten aber in allen Behinderteneinrichtungen zum Tragen kommen. "Denn die furchtbaren Szenen, die RTL in der Lebenshilfe-Werkstatt aufgenommen hat, hätten sicherlich auch in anderen Einrichtungen gefilmt werden können."

In der Regel nur ein Träger in jeder Region

Größtes Problem sei die Abhängigkeit der Eltern von einer Behindertenwerkstatt. "In jeder Region gibt es in der Regel nur einen Träger. Und die Eltern sind froh, wenn sie eine Werkstatt gefunden haben, die ihr Kind für sechs Stunden am Tag nimmt und fördert", berichtet Müller-Fehling. Das bringe Väter und Mütter bei einem Missstand in einen Zwiespalt. "Die Eltern überlegen automatisch: Wird mir bei einer Beschwerde der Platz wieder weggenommen? Weil es keine Alternativen gibt, schlucken Familien eine Menge." Ein Ausweg sei deshalb ein Ombudswesen. "Die Eltern müssen die Chance haben, sich bei einer Stelle anonym zu beschweren."

Darüber hinaus müssten die Betreuer selbst besser gefördert werden. Häufig sei es so, dass gerade Mitarbeiter, die schwerstbehinderte Menschen betreuten, die geringste Wertschätzung und das schlechteste Gehalt bekämen, demzufolge auch nur selten Weiterbildungen. "Wir brauchen eine Wertschätzungsoffensive für die Mitarbeiter", sagt der BVKM-Geschäftsführer. Für die Umsetzung sei die jeweilige Einrichtungsleitung verantwortlich.

Quelle: RP
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