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Serie Was macht eigentlich?
50 Jahre Trommler - eine Gladbacher Legende

Serie Was macht eigentlich?: 50 Jahre Trommler - eine Gladbacher Legende
Charly T. heute: So kennen und so lieben ihn seine Fans. FOTO: Maris Rietrums
Mönchengladbach. "Charly T." hatte in Musik eine Vier, saß mit 13 erstmals am Schlagzeug - und wurde zum Aushängeschild der Gladbacher Rockmusik. Er war bei Wallenstein und den Lords, tourte neun Jahre mit Marius Müller-Westernhagen. Über zehn Millionen Tonträger mit ihm wurden verkauft. Von O. E. Schütz

Da stand er nun, 1971 war es, sah sich um, wohin er denn nun gehen musste: Manfred Terstappen, knapp 18 Jahre alt. Er war daheim in Bracht in den Linienbus nach Gladbach gestiegen, mit seinem Schlagzeug als Gepäck. Er wollte sich in der Rockmusik-Szene der Großstadt umsehen, wollte etwas Größeres als die Band "The Unique", bei der er seit drei Jahren in Kaldenkirchen spielte. Er kletterte vor dem Stadttheater an der Hindenburgstraße aus dem Bus, sah sich um - und wurde wenige Minuten später von einem Mann angesprochen, der auf sein Schlagzeug zeigte und sagte: "Ich kenne jemanden, der einen Schlagzeuger für seine Band sucht."

Der, der suchte, das war Werner Odenkirchen, über Gladbachs junge Rockszene hinaus mit seiner Band "Excalibur" bekannt: die erste Mönchengladbacher Gruppe, die einen Schallplattenvertrag bekam. Werner Odenkirchen und Terstappen, trafen sich. "Charly", wie er genannt wurde ("Mein älterer Bruder hieß Karl-Heinz, ich war vom ersten Schuljahr an der kleine Charly"), spielte vor - und stieg bei Excalibur ein: "Ich bekam für drei Abende 450 Mark. Bei meiner Lehre im Brachter Konsum hatte ich bis dahin 120 Mark verdient - im Monat." Da fiel die Entscheidung nicht schwer, auch wenn das bis heute bestehende Speditions-Unternehmen des Vaters eine sichere Zukunft verhieß.

Es war der Einstieg in eine Musiker-Laufbahn, die "Charly T.", wie er sich bald nannte, nicht nur zu einem Aushängeschild der Mönchengladbacher Rockmusik machte. Terstappen, heute 63, gilt als "charismatisches Urgestein des Rock'n'Roll", wie Musikexperte Horst Pawlik ihn nennt und ihn "in den erlesenen Kreis der bundesrepublikanischen Studiomusiker" einordnet.

Mit Wallenstein hat Charly T. 1978 als Drummer den Top-One-Hit "Charline" gehabt. Vier Jahre hat er mit seinen Trommelstöcken in der Band gespielt, der das German Rock Lexikon bescheinigt, "eine ganze Zunft an Vollblutmusikern hervorgebracht zu haben, die nachhaltig die musikalische Entwicklung in Deutschland beeinflusst haben". Als einen dieser Vollblutmusiker nennt das German Rock Lexikon Charly Terstappen.

Er war auch dabei, als "Belfegore" 1984 mit dem Titel "All that I wanted" die Nummer 1 der Video- Charts in den USA wurde, hat mit der Band eine Tour durch die Staaten gemacht und gehörte dazu, als Belfegore als Opening Act mit "U2" durch ganz Europa zog. Mehr als ein Jahrzehnt später wurde der Titel "All that I wanted" aus dem Jahr 2011 im Blockbuster-Film "Verblendung" mit James-Bond-Darsteller Daniel Craig in der Hauptrolle im Soundtrack als eine Musikfrequenz verwendet. "Verblendung" erhielt einen Oskar für die beste Filmmusik des Jahres, und Charly T. war halt auch ein bisschen dabei.

Charly T. hat 1992 auf der "Jaja-Stadiontour" mit Marius Müller-Westernhagen vor mehr als einer Million Besuchern gespielt. Insgesamt neun Jahre hat er zwischen 1981 und 1993 mit dem Rockmusiker und Schauspieler zusammengearbeitet, der mit 11,2 Millionen verkauften Tonträgern als einer der erfolgreichsten deutschen Musiker gilt.

Der erste Kontakt zu ihm begann mit einem Missverständnis. "Ich war 1991 mit der Fred Banana Combo in München. Am letzten Abend kam ein Produzent, der mich gehört hatte, und fragte, ob ich für 1000 Mark pro Tag bei einer LP Country und Western spielen würde. So hatte ich es jedenfalls verstanden." Das war zwar nicht unbedingt sein Ding, aber die 1000 Mark pro Tag lockten. Die große Überraschung folgte, als es das erste Treffen gab: Es ging nicht um Country- und Western-Musik, sondern um Marius Müller-Westernhagen, mit dem er spielen sollte. Terstappen sagte zu - nun total begeistert.

Es wurde eine Verbindung mit großem Erfolg. Charly T. ging mit Müller-Westernhagen auf Tour, in Deutschland, den USA, London -vor allem aber ins Studio, wo die erfolgreichen Scheiben produziert wurden. Die Alben Stinker, Westernhagen, Halleluja, Westernhagen Live und Jaja brachten vielfach Platin- und Goldauszeichnungen. Das Fachblatt Musik Magazin kürte "Westernhagen Jaja" 1992 zur LP des Jahres National. Die Auszeichnung hängt in Terstappens Wohnung in Eicken, neben drei Platin- und vier Gold-Auszeichnungen für jeweils mehr als 500.000 verkaufte Scheiben.

Mehr als zehn Millionen Tonträger mit Charly T. sind im Lauf der Jahre verkauft worden. Darunter sind unter anderem Produktionen mit Deutschlands ältester Rockband The Lords, mit Nena, Gianna Nannini, Rheingold oder Diamanda Galas. Er spielte bei weit mehr als 100 Musik-Produktionen: "Die meiste Zeit hab ich in Studios gearbeitet. Immer wieder kamen Produzenten, die mich und meine Trommelstöcke haben wollten. Ich habe nie mit Nena, Gianna Nanini auf der Bühne gestanden, aber mit ihnen erfolgreiche Studio-Produktionen gemacht."

Er spielte in den 90er Jahren bei CD-Produktionen mit den Kölner Kultmusikern von LSE (unter anderem Tommy Engel) und Gerd Köster. Im November 1992 war er dabei, als Wolfgang Niedecken (BAP) in Köln die große Kampagne gegen Rassismus und Neonazis unter dem Titel "Arsch huh, Zäng ussenander" startete: "Das Konzert auf dem Chlodwigplatz mit mehr als 100.000 Menschen war ein historisches Ereignis", schwärmt Charly Terstappen noch heute. Mit seiner von Müller-Westernhagen produzierten Band "DV8" wurde Charly T. die Nummer 1 in den Network-Charts.

2000 gründete er sein eigenes Platten-Label "MGB-Records". Parallel stieg er als Drummer bei der Kultband "The Lords" und "Farfarello" ein, wurde für Fernseh-Auftritte bei Harald Schmidt von Udo Jürgens gebucht. Eine beinahe unglaubliche Karriere für einen Mann, der auf der Volksschule "auf dem Zeugnis im Fach Musik meist eine Vier hatte", wie er erzählt. "Trotzdem war mir mit 13 klar: Ich werde Musiker. Die Beatles, die Rolling Stones hab ich gehört und wusste gleich: Das ist meine Musik." Sein großes Vorbild wurde später Keith Moon, Schlagzeuger von The Who.

Quelle: RP
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