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Mönchengladbach
Das qualvolle Leben des kleinen Leo

Mönchengladbach: Das qualvolle Leben des kleinen Leo
Kommissionsleiter Ingo Thiel berichtete gestern in einer Pressekonferenz über den Baby-Mord. Der Vater hatte den Ermittlern alle Taten gestanden. Präzise soll er die Misshandlungen geschildert haben. FOTO: Reichartz,Hans-Peter (hpr)
Mönchengladbach. In Eicken wurde ein 19 Tage alter Säugling von seinem Vater misshandelt und getötet. Die Familie galt als völlig unauffällig. Von Gabi Peters und Tim Specks

In Eicken hat sich die schreckliche Nachricht von dem Baby, das nur 19 Tage alt werden durfte, in Windeseile herumgesprochen. "Da kommen einem die Tränen, mir fehlen die Worte", sagte eine Anwohnerin gestern. Selbst hartgesottenen Polizeiermittlern erging es ähnlich, als sie das Geständnis des Vaters (26) hörten. Über Tage hinweg soll er seinen kleinen Sohn Leo, der bei seiner Geburt am 2. Oktober im Krankenhaus Neuwerk proper und völlig gesund war, gequält und misshandelt haben: "Er hat das Kind geschüttelt, geschlagen, gequetscht und mit heißer Milch den Mund des Babys verbrannt", sagte Mordkommissionsleiter Ingo Thiel gestern in einer Pressekonferenz. Und er soll dem kleinen Leo noch schlimmere Dinge angetan haben. Manches ist so schrecklich, dass die Polizei es nicht näher erläutern will. Den sexuellen Missbrauch, zum Beispiel.

"Das ist eine Geschichte, die uns sprachlos gemacht hat", sagte Polizeisprecher Willy Theveßen. Und auch Ingo Thiel, der seit 25 Jahren Mordfälle behandelt, sagt, dass er so etwas bisher noch nicht erlebt hat.

Video: Polizei äußert sich zum getöteten Säugling

Am 6. Oktober kam Leo aus dem Krankenhaus nach Hause, in die Eickener Wohnung, in die das Paar im Dezember 2014 eingezogen war. Wenig später müssen die Misshandlungen bereits begonnen haben. Der Vater sei mit dem Säugling nicht klar gekommen. Je mehr er quengelte, schrie und zu seiner Mutter wollte, desto härter packte der Vater zu, bis Sohn Leo gar nicht mehr auf den Arm seines Erzeugers wollte. Die Mutter soll das Martyrium ihres Sohnes mitbekommen haben, da sind sich die Ermittler sicher. Warum sie nicht einschritt, ob sie die Qualen ihres Sohnes verdrängte, ob sie all dies nicht wahrhaben wollte, dazu konnte die Polizei gestern keine Angaben machen. Schließlich lagen die Geständnisse des Paares, das am 17. Juli dieses Jahres, erst wenige Stunden zurück.

Ebenfalls noch nicht geklärt ist, ob der Vater zu Gewaltausbrüchen neigt. "Die Frau hat uns etwas von einer Ohrfeige erzählt. Das liege aber schon einige Zeit zurück", sagt Thiel. In Eicken wird erzählt, dass das Paar, das sich seit fünf Jahren kennt, aus seiner vorherigen Wohnung ausziehen musste, weil er etwas kaputt gemacht habe. Ansonsten galten Mutter und Vater als völlig unauffällig. Keiner der beiden ist je bei der Polizei aufgefallen. Warum der Vater in der Nacht zum Mittwoch so ausrastete, sein Kind schließlich mit Schlägen auf den Hinterkopf tötete, müssten Gutachter herausfinden, sagt Thiel. Für schuldunfähig hält der Mordermittler den 26-Jährigen nicht. Für Drogen- oder Alkoholmissbrauch, die dazu führen können, gebe es keine Anzeichen.

Am Mittwoch gegen 3 Uhr erlag der kleine Leo seinen Verletzungen. Der Vater legte das Kind ins Bett, deckte es zu, und ging selbst schlafen. Den Notarzt rief er erst um 8.51 Uhr an. "Das Kind atmet nicht mehr", soll er gesagt haben.

In einigen Tagen hätten die Eltern einen Termin mit Jugendamtsmitarbeitern gehabt. Schon seit Jahren bietet die Stadt sogenannte "frühe Hilfen" an, eine Maßnahme, bei der Eltern nach der Geburt eines Kindes über Beratungsangebote und Hilfsangebote informiert werden. Das Programm, das allen Eltern in der Stadt automatisch zugänglich gemacht wird, beinhaltet auch einen Besuch durch Vertreter des Jugendamtes. Am Donnerstag informierte ein Familienmitglied des getöteten Leo die Stadt darüber, dass das Kleinkind verstorben sei. "Deshalb ist es nicht mehr zu dem präventiven Ansatz gekommen", so Reinhold Steins, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie Mönchengladbach.

Der Mord an dem Säugling ist ein in Mönchengladbach extrem seltener Fall. Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, finden in der Stadt ein breites Hilfsangebot. Das Programm "frühe Hilfen" ist etwas Besonderes. "Nicht alle Kommunen bieten diese Hilfe an", sagt Dörte Schall, Sozialdezernentin der Stadt. Teil dieser Maßnahme ist ein Treffen mit Mitarbeitern des Jugendamtes, die in einem Gespräch eventuell bestehende Fragen von Eltern beantworten, Informationsmaterial bereit stellen und aufzeigen, wo überforderte Eltern Hilfe bekommen können. "Die meisten Eltern nehmen dieses Angebot wahr", so Reinhold Steins, Leiter des Jugendamtes Mönchengladbach.

Trotz aller Präventivmaßnahmen kommt es jedoch immer wieder zu Fällen von Gewalt, die Eltern gegenüber ihren Kindern verüben. "Wenn wir Hinweise auf Kindeswohlgefährdung oder Probleme im Umfeld der Eltern erhalten, greifen wir ein", so Reinhold Steins. In extremen Fällen werden Kleinkinder dann bereits kurz nach der Geburt im Krankenhaus vom Jugendamt in Obhut genommen. Solche Fälle kommen rund zehnmal im Jahr in Mönchengladbach vor. "Die Inobhutnahme ist immer das letzte Mittel. Wir versuchen zunächst immer, beratend zu unterstützen", sagt Steins. Die Gründe für Eltern, Gewalt gegenüber ihren Kindern auszuüben, sind verschieden. "In der Regel ist es Überforderung oder fehlende Unterstützung aus der Familie", so Reinhold Steins. "Ein kleines Kind erfordert viel Arbeit, wer darauf nicht eingestellt ist, verzweifelt schnell. Das ist auch ein Grund für die Einführung der 'frühen Hilfen'."

Quelle: RP
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