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Mönchengladbach
Die Europameisterin mit dem neuen Organ

Mönchengladbach: Die Europameisterin mit dem neuen Organ
Claudia Hombach mit ihren Medaillen, die sie bei den Europameisterschaften in Finnland gewann. Jetzt fährt sie zur Weltmeisterschaft. FOTO: Laaser
Mönchengladbach. 1999 gaben ihr die Ärzte noch fünf Jahre: Claudia Hombach brauchte eine neue Leber und stand auf der Warteliste für eine Organtransplantation. Ihre Zwillingsschwester spendete ihr einen Teil ihrer Leber. Ein neues Leben begann. Von Marei Vittinghoff

Wenn man die Leichtathletin Claudia Hombach fragt, auf was sie besonders stolz ist, könnte sie von ihren Gold- und Silbermedaillen erzählen. Hombach aber lenkt die Aufmerksamkeit auf jemand anderen: "Ich bin stolz auf meine Zwillingsschwester, dass sie den Mut aufgebracht hat, mir ein Organ zu spenden", sagt die 46-Jährige. "Sie hat mein Leben gerettet." Am 25. Juni fliegt die Gladbacherin mit ihrer Schwester für eine Woche nach Málaga, sie wird in die dortige Stierkampfarena einlaufen und Deutschland bei den "World Transplant Games", den Weltmeisterschaften der Organtransplantierten, vertreten. Ein Kindheitstraum geht damit für sie in Erfüllung: "Ich wollte schon immer mal an einer internationalen Meisterschaft teilnehmen", sagt sie.

Fünf Jahre vorher wäre dies unvorstellbar gewesen. 1999 wird bei ihr die Auto-Immunerkrankung PSC - Primär sklerosierende Cholangitis - festgestellt: Eine Krankheit, bei der die Gallengänge angegriffen und zerstört werden. Fünf Jahre haben die Ärzte ihr da noch gegeben. "Ich dachte, das war es", erinnert sie sich. Zwar können die Gallengänge außerhalb der Leber in einer Notoperation entfernt werden, in den Gallengängen innerhalb der Leber geht die Zerstörung weiter. 2012 folgt auf eine entzündliche Leberfibrose eine Leberzirrhose. Hombach wird auf die Warteliste für eine Organtransplantation gesetzt. Zu dieser Zeit sind Augen und Haut von der Gallenflüssigkeit gelb verfärbt, sie hat viel Gewicht verloren.

Obwohl sich Hombachs Zustand schnell verschlechtert, stehen ihre Chancen auf eine neue Leber nicht gut: "Von den Leuten, die auf der Warteliste stehen, sterben täglich zwei bis drei. Ich glaube nicht, dass ich es geschafft hätte", sagt sie. Als nach einem langen Wartejahr immer noch keine Transplantation in Sicht ist, springt ihre Zwillingsschwester Astrid Cäsar ein. Insgesamt vier Wochen, in denen Cäsar "auf Herz und Nieren getestet wird", beim Psychologen und der Ethik-Kommission in Köln vorsprechen muss, vergehen, bis klar ist: Claudia Hombach kann 65 Prozent der Leber ihrer Schwester erhalten. Der Eingriff ist kein leichter. Spender und Empfänger müssen viel Kraft aufbringen, bis die Leber nach etwa einem halben Jahr wieder auf ihre normale Größe angewachsen ist. Im Juni 2013 - Hombach nennt den OP-Termin heute ihren zweiten Geburtstag - ist es soweit. Bevor die Zwillingsschwestern in den OP-Saal gefahren werden, beschließen sie, im nächsten Jahr gemeinsam am "Women's run" in Hamburg teilzunehmen. "Damit wir wirklich wieder auf die Beine kommen, haben wir uns ein gemeinsames Ziel überlegt", erzählt Hombach. "Zu meiner Schwester habe ich gesagt: Wenn ich aus dem OP komme, scheuche ich dich durch den Flur."

Ganz so einfach wurde es nicht. Im Gegenteil. Hombach war von ihrer Erkrankung und dem Eingriff so geschwächt, dass sie wieder neu Laufen lernen musste. "Ich habe bei Null angefangen. Eine Schnecke wäre wahrscheinlich schneller gewesen", sagt sie. Obwohl ihr Körper kurzzeitig eine Abstoßungsreaktion gegen die neue Leber zeigt und die Medikamente ihre Muskelkraft zusätzlich schwächen, gibt sie nicht auf. Hombach übt mit ihrem Physiotherapeuten vom Krankenbett aus das Stehen, läuft zusammen mit Freunden und einem Rollator über die Krankenhausflure, trainiert wie sie nur kann. Und wirklich: Claudia Hombach schafft es in Hamburg nach fünf Kilometern über die Ziellinie, macht im selben Sommer das Sportabzeichen. Ihre Liebe zur Leichtathletik ist wieder geweckt. So nimmt auch die Geschichte ihren Lauf: Während einer Kontrolluntersuchung in der Lebertransplantationsambulanz in Essen hält sie ein Heft des Vereins "TransDia" in den Händen. Einmal pro Jahr organisiert der Verein deutsche Meisterschaften für Transplantierte und Dialysepatienten und stellt zudem das Deutsche Team für die Europa- und Weltmeisterschaften zusammen. 2015 beschließt sie, an der Deutschen Meisterschaft teilzunehmen, trainiert intensiv und setzt ihre Erfolge fort: Ob Kugelstoßen, Wurfball, Hochsprung, Mini-Marathon oder der 100-Meter-Lauf - Hombach schneidet sehr gut ab.

So geht es 2016 für sie zu den Europameisterschaften in Finnland. Auch hier glänzt sie, belegt in ihrer Lieblingsdisziplin Speerwurf den zweiten Platz und wird in den Disziplinen Kugelstoßen und Wurfball Europameisterin. "Das war ein sehr emotionaler Moment für mich", sagt sie. "Ich musste drei Jahre vorher wieder gehen lernen und stand auf einmal auf dem Treppchen."

Bei den Weltmeisterschaften ist sie nun eine von 2500 Athleten aus 55 Nationen, die in Málaga zusammentreffen. Hombach freut sich darauf: "Man kommt zusammen mit so vielen, die das gleiche Schicksal teilen und gemeinsam zeigen wollen, dass es sich lohnt, ein Organ zu spenden." Darum steht auch nicht der Sieg im Vordergrund, sondern die Sache. Man hilft sich, gibt den Konkurrenten Tipps und feiert am Abend zusammen Feste. "Es war ein harter Weg. Aber der Sport hat mir geholfen, wieder ins Leben zu kommen. Heute fühle ich mich fit und gesund und kann halbtags wieder arbeiten", erzählt die 46-Jährige. Und fügt hinzu: "Seit meiner Transplantation nehme ich das Leben viel bewusster wahr. Denn es ist doch eine Freude, dass ich das kann."

Quelle: RP
 
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