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Mönchengladbach
Edmund Erlemann kann wieder gehen

Mönchengladbach: Edmund Erlemann kann wieder gehen
Edmund Erlemann mit dem Gehstock in seiner Wohnung (l.): Kinder schickten selbst gemalte Bilder, als er mit Lähmungserscheinungen in den Beinen in der Klinik lag. Rechts oben ein Foto beim Goldenen Priesterjubiläum 2010 in der Münsterkirche. Wenn die Kraft nicht mehr reicht, macht er es sich an seinem Lieblingsplatz bequem. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Als die Rheinische Post vor einigen Jahren "Gladbachs Besten" suchte, gewann er mit deutlichem Vorsprung: Pfarrer Edmund Erlemann (80), Mitgründer des Volksvereins, hat gerade eine schlimme gesundheitliche Krise überstanden. Von Dieter Weber

Der Brief kam von einem Mädchen aus dem Kinderdorf in Waldniel. "Wann kommst du wieder zu uns?", stand da in krakeliger Handschrift: "Deine Gottesdienste sind so cool." Bei Edmund Erlemann haben diese Zeilen einen Ehrenplatz in seiner gemütlichen Wohnung an der Rudolfstraße. Mehrere Kinderbilder hängen da, und auf jedem ist eine Sonne mit vielen Strahlen zu sehen. Sie sollen Mut machen, für Licht und Wärme im Herzen sorgen und dem Adressaten signalisieren: Wenn du da bist, sind die Tage für alle bunter und schöner.

Erlemann ist dafür dankbar. Der 80-Jährige konnte den Zuspruch gebrauchen in einer Zeit, als es ihm sehr schlecht ging: körperlich und seelisch. Der ehemalige Regionaldekan und Propst des Münsters war nach einer Operation gelähmt und trainierte bereits für ein Leben im Rollstuhl. Wie durch ein Wunder kehrte das Gefühl in den Beinen zurück. Heute steht der Rollstuhl vor dem Computertisch - als pragmatische Lösung für den fehlenden Schreibtischstuhl. Erlemann kann wieder gehen, steigt sogar Treppen. Noch braucht er dafür einen Gehstock und eine spezielle Technik. Wenn er diese beschreibt, sagt er: "Runter geht's in die Hölle, rauf geht's in den Himmel."

Er hat sie - bildlich - erlebt in den vergangenen Monaten, die Hölle und den Himmel. Erlemann, den viele Gladbacher nur "Eddi" nennen, hatte sich im Mai vergangenen Jahres eine kleine Auszeit genommen und war mit einer Gruppe in Israel am See Genezareth. Eines Morgens bemerkte er Blut im Urin. "Ich habe es darauf geschoben, dass die Ordensschwestern, bei denen wir zu Gast waren, am Abend zuvor Rote Bete serviert hatten", erzählt er. Nach der Rückkehr ließ sich Erlemann untersuchen. In der Blase wurde eine Geschwulst entdeckt. Bei einer Operation sollte geklärt werden, ob die Blase entfernt werden muss. Dabei kam es während der Narkose zu einem folgenschweren Zwischenfall: einer Einblutung in das Rückenmark.

Erlemann litt nach der OP unter starken Schmerzen vor allem im linken Bein. Er kam sofort in eine Spezialklinik nach Bielefeld, wo er an einem Sonntag kurz vor Mitternacht erneut unters Messer kam. "Als ich auf die OP vorbereitet wurde, habe ich zum Neurochirurgen gesagt: ,Wie? Jetzt müssen Sie noch arbeiten?'" Es ist eine typische Reaktion von Erlemann: sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und stattdessen mehr an die zu denken, denen er vermeintlich Arbeit macht. Die Antwort des Spezialisten verdeutlichte, wie es um den Pfarrer zu diesem Zeitpunkt stand: "Wenn ich Sie nicht jetzt operiere, sind Sie querschnittsgelähmt." Dies blieb Erlemann dank des raschen Eingriffs zwar erspart. Aber die Rückenmarksverletzung war erheblich. "Ich konnte nach der OP nur ein kleines bisschen meine Zehen bewegen. Meine Beine habe ich aber nicht mehr gespürt", erzählt er.

Es folgte ein mehrmonatiger Aufenthalt in einer Reha-Klinik in Bad Wildungen. Eine bedrückende Zeit, aber trotz der Schwere der Verletzung und der Ungewissheit eine merkwürdig aufbauende Phase. "Ich habe nicht angefangen zu maulen. Ich habe auch nicht den Chef im Himmel angeklagt, dass er mir das angetan hat. Aber die völlige Abhängigkeit, die Vorstellung, mich nur noch in einem Rollstuhl bewegen zu können, das war richtig schlimm. Ich war psychisch am Ende." Der Mann, der sich seit vielen Jahren um Arbeitslose kümmert, der den Volksverein mit aufbaute und immer wieder an die Gladbacher appellierte, Solidarität mit den Schwachen zu zeigen, bekam ein besonderes Geschenk: Stapelweise erhielt er Post. Hunderte wünschten ihm alles Gute zur Genesung, Kinder schickten Gebasteltes. Und viele Gladbacher machten sich auf den Weg, um ihn zu besuchen. "Sie fuhren dreieinhalb Stunden, um ein paar Worte mit mir zu wechseln. Das war ergreifend."

Und sie gaben Kraft. Kraft für das harte Training mit dem Elektro-Rollstuhl ("Ich musste gar Rollstuhl-Volleyball spielen"). Kraft nach den ermutigenden Signalen, als das Gefühl zurückkehrte in den Beinen und er den Rollstuhl gegen einen Rollator tauschte. Und Kraft für die Zeit, als das Muskeltraining so gut anschlug, dass er den Rollator nicht mehr benötigte und sich auf einen Gehstock stützen konnte. Als Erlemann vor kurzem seinen 80. Geburtstag feierte und 150 Gäste dies zu einem Familienfest machten, da erlebte man einen noch angegriffenen, aber wieder optimistisch in die Zukunft blickenden Erlemann.

Die Hoffnung habe er in der schlimmen Zeit nie aufgegeben, erzählt er. Gehadert habe er nicht. Auch ungeduldig sei er nicht gewesen. "Doch das Bewusstsein, nichts tun zu können, hilflos zu sein, das war furchbar." Diese Erfahrung weckte neues Verständnis für die Menschen, die in einer solchen Lage sind. Erlemann will sein Leben künftig bewusster wahrnehmen und gestalten. Auch etwas kürzer will er treten. Die Steyler Missionsschwestern, mit denen Erlemann Arbeitslose und Arme im Treff am Kapellchen (TaK) in Waldhausen betreut, haben Verständnis dafür. Erlemann: "Sie haben mir gesagt: ,Hauptsache, du bist für uns da!'"

Und er hat dem Mädchen aus dem Kinderdorf geantwortet - mit einem Familiengottesdienst.

Quelle: RP
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