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Mönchengladbach
Eine Kunstsammlerin vererbt sich selbst

Mönchengladbach: Eine Kunstsammlerin vererbt sich selbst
Hiltrud Neumann läuft über den Mittelstreifen der A 7. Die Asphaltstücke hat ihr der Künstler Hannes Forster in die Wohnung gelegt. FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Ihr "offenes Wohnzimmer" ist legendär. Künstler und Kunstinteressierte trafen sich 20 Jahre lang bei Hiltrud Neumann. Sie kaufte und kaufte - und ihre Sammlung wuchs auf mehr als 3500 Werke. Die vermachte sie jetzt dem Museum Goch. Von Inge Schnettler

Die A 7 verläuft mitten durch Hiltrud Neumanns Wohnung. In Stücken zumindest. Das hat Vorteile - sieht klasse aus. Das hat aber auch Nachteile - die Asphaltstücke sind echte Stolperfallen. "Und die Putzhilfe knallt immer mit dem Staubsauger dagegen", sagt Hiltrud Neumann. Mit der Schuhspitze versucht sie, die Kunstwerk-Stücke wieder gerade zu rücken. Was nicht gelingt. "Mist, jetzt ist der Mittelstreifen verrutscht." Ja, die A 7 ist ein Kunstwerk. Nur eines von mehr als 3500 (oder noch mehr). Geschaffen hat es Hannes Forster. Es war Teil seiner Examensarbeit an der Akademie für Künste in Berlin. Forster ist seit Jahren lieber Gast bei der Kunstsammlerin. So wie 100 andere Künstler auch (oder noch viel mehr). 20 Jahre lang hat Hiltrud Neumann in ihr legendäres "offenes Wohnzimmer" eingeladen. Einmal im Monat trafen sich Kunstschaffende und Kunstfreunde bei ihr. Es wurde vorgetragen, musiziert, viel gegessen, noch mehr getrunken, diskutiert, gelacht und gestritten - und in den Räumen der Wohnung am Hardter Karrenweg entstand Kunst.

Besagter Hannes Forster hat während einer dieser vergnüglichen Versammlungen, die in der Regel frühestens im Morgengrauen endeten, halbrunde Segmente aus dem grünen Teppichboden geschnitten. Zu dieser Zeit hatte er eine Ausstellung mit gebogenen Mauerstücken im Museum Abteiberg. Das war 1989. Für Hiltrud Neumanns Wohnzimmer schuf er auch noch ein paar dieser Mauerabschnitte und kombinierte sie mit den Teppich-Aussparungen. Damals war Hiltrud Neumanns Wohnung durchaus noch als Wohnung zu erkennen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Heute ist ihre Wohnung eine wahre Wunderkammer voller Kunst. Anfang der 1970er Jahre kam sie mit ihrer Mutter nach Mönchengladbach. Da war das Haus am Karrenweg fast fertig. Mutter und Tochter entschieden sich für eine Wohnung in der achten Etage - mit herrlichem Fernblick. Hiltrud Neumann arbeitete als Lehrerin, und sie entwickelte eine große Leidenschaft für Kunst. Sie kaufte, wurde zur Sammlerin. Und irgendwann war die Wohnung zu klein. "Da habe ich die nebenan auch noch gekauft und einen Durchbruch schlagen lassen." Ab da gab es zwei Küchen, zwei Bäder, zwei Wohnzimmer, jede Menge weitere Räume und zwei Balkone. Und jetzt? Alles voll mit Kunst. Riesige Installationen ziehen sich teils durch mehrere Zimmer, auf dem Boden, an den Wänden, an den Decken - überall Kunst. "Viele sagen, ich hätte einen Knall", sagt die Sammlerin.

Die Tasche legt der Besucher aus Sicherheitsgründen am besten gleich am Eingang ab, sonst bekommt Hiltrud Neumann womöglich einen Herzinfarkt. Dann beginnt die Reise durch ein spannendes Kunst-Labyrinth. Hier und dort findet sich ein Sitzmöbel, ab und an auch mal ein Tisch. Zum Kaffee trifft man sich aber dann doch besser in der Küche. Die ist zumindest teilweise kunstfrei. Hiltrud Neumanns Bett ist schwer zu entdecken. Es steht mitten zwischen teils raumgreifenden Kunstwerken - beispielsweise einer großen runden Holzarbeit von Georg Ettl. "Ich bin auch im Schlaf von Kunst umgeben", sagt sie. "Ist das nicht wunderbar?"

In einem der kleinsten Zimmer hängt ein Sarg an der Wand. Noch wird er als Regal genutzt. "Den hat der Wolfgang Hahn für mich gemacht", sagt Hiltrud Neumann, "darin werde ich mal beerdigt." Klingt makaber, hat aber einen fröhlichen Ursprung. Eines Abends, Hiltrud Neumann hatte wieder in ihr offenes Wohnzimmer eingeladen, wurde darüber gesprochen, wie sie am liebsten beerdigt werden wolle. Die Ideen sprudelten. "Die Künstler, mit denen ich zusammensaß, hatten die tollsten Vorstellungen von der Beschaffenheit meines Sarges", sagt sie lachend. Leider waren sämtliche Materialien - so schön sie auch vorstellbar waren - verboten. "Da gibt es ja schließlich eine Friedhofsordnung." Irgendwann hätte dann der Wolfgang Hahn gesagt: "Ich mach dir jetzt 'ne Kiste." Und so kam's.

Um den Überblick über ihre riesige Sammlung zu behalten, hat sie jedes einzelne Kunstwerk inventarisieren lassen - jeweils mit Foto und allen nötigen Angaben. Die Din-A-4-Blätter füllen einen dicken Aktenordner. Die rheinische Kunstszene der vergangenen 40 Jahre ist vertreten: Ingrid Langanke, Clemens Weiß, Brigitte Zarm, Wolfgang Mally, Ellen Katterbach, Georg Ettl, Heiner Koch, Wolfgang Hahn und, und, und. "Ich finde, ich habe die Kunst gut arrangiert", sagt Hiltrud Neumann. "Keiner kann behaupten, er sei der Größte, alle sind gleichberechtigt."

Nach einer schweren Erkrankung hat Hiltrud Neumann ihre Sammlung für abgeschlossen erklärt - und sie komplett verschenkt. An das Museum in Goch, das sich auf junge Kunst spezialisiert hat. "Das Museum Abteiberg hatte kein Interesse", sagt sie fast ohne Groll. Sämtliche Kunstwerke, die sich in den Räumen, den Schränken, auch im Keller befinden, gehen in die Stadt am linken Niederrhein. "Mir gefällt es, wie sie dort mit jungen Künstlern umgehen und sie fördern."

Bis zum 21. Februar werden ausgewählte Werke ihrer Sammlung in Goch gezeigt. Die Ausstellung hat den Titel "Leben mit Kunst - Die Sammlung Hiltrud Neumann". Übrigens: Einmal im Jahr öffnet Hiltrud Neumann weiterhin ihr Wohnzimmer. 2016 wird das am 10. Oktober sein - "von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Dann bleibt es übersichtlich."

Quelle: RP
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