| 00.00 Uhr

Mensch Gladbach
Heute bin ich mal besorgter Bürger

Mönchengladbach. Gestern Abend spazierten wieder selbst ernannte besorgte Bürger durch die Gladbacher Innenstadt, die sich unter anderem Sorgen machen, weil Angela Merkel Kanzlerin ist. Das Geschäftsmodell "besorgter Bürger" ist ja im Moment eines der erfolgreichsten überhaupt. Darum bin ich heute auch mal schwer besorgt. Von Ralf Jüngermann

Das schönste an Ängsten ist ja, dass es für jede noch so entlegene einen schönen lateinischen Namen gibt. Falls Sie mal von Günther Jauch vor Fernsehkameras gefragt werden, was Albuminurophobie ist, sagen Sie bitte: Angst vor einer Nierenerkrankung. Wahrscheinlich sind Sie danach Millionär und müssen erst mal keine Angst mehr haben, dass Ihnen das nötige Kleingeld ausgeht. Es gibt Ängste, trotz derer man sich in einer Stadt wie Mönchengladbach gut durchschlagen kann (wie die Anatidaephobie, die Angst, von Enten beobachtet zu werden). Und dann gibt es Ängste, die sind wirklich extrem unpraktisch. Die Barophobie etwa. Nein, dass ist nicht die Angst, nicht schnell genug die nächste Bar zu finden. Sondern die Angst vor der Schwerkraft. Da muss man dann gleich ganz weit wegziehen.

Die Strategen, die gestern mit den handelsüblichen Pegida-Parolen durch die Gladbacher City gezogen sind, haben in Wahrheit ja die Angst zu kurz zu kommen, nennen das aber lieber Sorge, weil das vernünftiger klingt. Mich als Bürger besorgt in dem Zusammenhang vor allem eines: Dass die drei Prozent rechtsradikaler Vollpfosten, die eine stabile Gesellschaft wie die unsere locker verträgt, Beifall für ihre Thesen von den vielleicht 15 Prozent in der Bevölkerung bekommen, die wenigstens für einen Teil dieser Wirrkopf-Thesen empfänglich sind.

Ansonsten bin ich besorgt, was aus dem Nörgel-Gladbacher wird. Für den wird es immer enger. Champions League, Snowboard-FIS-Event, Nobelpreisträger, Stars im Sparkassenpark - der Ruf des Pupkaffs ist nachhaltig ruiniert. Man kann nur hoffen, dass wenigstens das mit dem Seasons und dem Gladbach-See in der City Ost nichts wird. Sonst müssen Tausende wegziehen, weil sie einfach nicht in einer Stadt leben können, in der es gut läuft. (Liebe Lateinlehrer, kann mir dazu mal bitte jemand das passende lateinische Wort erfinden und mailen? Danke!)

Ich bin besorgt, dass manche Politiker das ernst meinen, was sie da so von sich geben. Die Grünen beispielsweise haben gestern erst auf der Krall'schen Wiese Schimmel entdeckt und dann ein Loch im Haushalt. Beides zeugt entweder von Angst vor Fakten oder beruht auf der wahren Erkenntnis, dass sich Sorge in Wahlkabinen gerne zu Stimmen materialisiert.

Ich bin besorgt, dass mich jemand fragt, ob ich nicht mal testweise die 43-Meter-Snowboard-Rampe besteigen möchte. Ich habe keine Höhenangst (Akrophobie), mag aber keinen schwankenden Grund - weswegen ich nie Mitglied einer Partei werden könnte.

Ich bin besorgt, dass niemand nachrechnet, wie teuer so ein Handy-Parkticket im Vergleich zu einem stinknormalen ist. Ich bin besorgt, dass ganz Gladbach zur Tempo 30-Zone wird. Ich bin besorgt, dass diejenigen, denen das in ihr politisches Süppchen passt, versuchen, Autofahrer und Radfahrer gegeneinander auszuspielen. Tatsächlich sind viele beides und leiden nicht unter Persönlichkeitsschwankungen. Ich bin besorgt über unseren Anschluss ans Fernbahn-Netz. Und ich bin auch immer wieder besorgt, ob Sie das überhaupt interessiert, was ich hier so fabuliere.

Nur wegen des Bayern-Spiels bin ich gänzlich unbesorgt. Das wird schon.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mensch Gladbach: Heute bin ich mal besorgter Bürger


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.