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Mönchengladbach
Musikalische Späterziehung

Mönchengladbach: Musikalische Späterziehung
Aller Anfang ist schwer: RP-Autor Ludwig Krause und Frank Füser (rechts) am Flügel in der Musikschule. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Viele Erwachsene bereuen es, dass sie als Kind nicht gelernt haben, ein Instrument zu spielen. An der Volkshochschule brummen mittlerweile die Schnupperkurse für Späteinsteiger. Unser Autor hat es auch versucht - und Blut geleckt. Von Ludwig Krause

"Ein Klavier, ein Klavier!" Bei Loriot war das irgendwie witziger. Aber das vor mir ist ja auch ein Flügel. Rücken gerade, Bank nach ganz unten, erste Unterrichtsstunde in der Musikschule. Mein Musiklehrer heißt Frank Füser, er hat mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Ich komme 20 Jahre später auf die Idee. An der Eingangstür der Musikschule hängt ein Schild, auf dem "Musikalische Früherziehung" steht. Wenn es so etwas wie "Musikalische Späterziehung gibt", dann wohl für Menschen wie mich. Was spielen wir eigentlich als Erstes? Beethoven? "Hänschenklein"? Wenigstens "Ist ein Mann in Brunn gefallen" müsste doch drin sein.

Nichts von alledem. Füser klopft mit der rechten Hand auf seinen Oberschenkel, ich soll in den Takt einsteigen. Dann klopft er mit der linken Hand einen anderen Rhythmus, auch das schaffe ich. Mich beschleicht so ein Gefühl. "Gehen wir heute überhaupt noch ans Klavier?", frage ich. Tschuldigung, an den Flügel. Der Lehrer nickt. "Alleine schon aus Motivationsgründen."

Kinder lernen in der Regel schneller als Erwachsene, auch das Instrumentenspiel. Und Studien belegen, dass sich der Einfluss von Musik positiv auf ihre Entwicklung auswirkt. Das alles heißt aber nicht, dass nicht auch Erwachsene im fortgeschrittenen Alter ein Instrument lernen können - und dabei durchaus beachtliche Ergebnisse erzielen. "Ich habe noch mit 58 Jahren angefangen, Saxofon zu spielen. Mittlerweile spiele ich in einer Big Band", sagt Füser. Der 62-Jährige ist bei der Stadt Fachbereichsleiter für die Musikschule und VHS. "Es ist politischer Wille, dass kein Kind in der Musikschule außen vor bleibt, weil ein Erwachsener den Platz belegt", sagt er. Darum werden in Mönchengladbach die Schnupperkurse für Späteinsteiger in der Volkshochschule angeboten. Und: sie brummen.

"Immer mehr fragen danach", sagt Füser. Klavier, Gitarre und Saxofon sind im Angebot, immer in kleinen Gruppen. Vor allem der Gitarrenunterricht hat sich mittlerweile zum Dauer- und Selbstläufer entwickelt, das war längst nicht immer so. "Früher bestand die musikalische Bildung an der VHS vor allem aus Vorträgen", sagt er. Bach und die Kirchenmusik, stilecht mit Plattenspieler. "Der Trend geht aber eindeutig zum praktischen Musizieren." Jünger macht das die Teilnehmer aber nicht, der Altersschnitt liegt bei 50 Jahren und älter. "Das liegt aber auch an der Altersstruktur der VHS insgesamt", sagt Frank Füser.

Der Fachbereichsleiter hat Musik studiert, gibt selbst noch Unterricht und kennt den größten Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern: die Erwartungshaltung. "Kinder sind schon glücklich, wenn sie das erste Mal ,Alle meine Entchen' fehlerfrei spielen können", sagt Füser. Erwachsene hingegen wissen, wie Klavier klingen kann - von Pop-Songs im Radio bis zu Beethoven im Konzert. "Dann müssen sie wahnsinnig schnell feststellen, dass es bis dahin ein langer Weg wird", sagt der 62-Jährige. Selbst wenn es am Anfang schon kleine Erfolge zu feiern gibt. "Ein Instrument zu lernen, ist aber nicht, wie einmal in der Woche zum Turnen gehen. Da muss zu Hause kräftig geübt werden." Und das ist, gerade bei grundlegenden Übungen, nicht immer eine Achterbahnfahrt der Euphorie. Etwa die Hälfte derjenigen, die bei der VHS am Instrument schnuppern, bleiben auch beim Spielen.

Welches Instrument lernt man denn nun im Alter? "Grundsätzlich ist jedes möglich. Blasinstrumente sind aber relativ leicht zu lernen", sagt der 62-Jährige und zeichnet dabei Gänsefüßchen in die Luft. Es hängt eben auch an Begabung, Fleiß und Lust und Spiel. Und natürlich, welches Instrument man sich zu Hause erlauben kann. In der Mietwohnung wird es weniger Tuba oder Schlagzeug, schon eher das E-Piano werden. Das kann man per Kopfhörer für die Außenwelt stumm schalten und eignet sich auch für Anfänger, sagt der Fachmann.

Der große Konzertflügel, aus dem ich gerade einen Dreiklang herauswürge, würde auf jeden Fall nicht in meine Wohnung passen, selbst wenn ich ihn als Esstisch nutzen würde. Ein E-Piano schon eher. Gedanklich räume ich schon ein Regal aus, der Schreibtisch müsste auch verschoben werden. Aber habe ich auch die Zeit, regelmäßig zu üben? Frank Füser kennt die Ausreden derer, die nach kurzer Zeit wieder aufhören - manche kommen tatsächlich nicht dazu. Vielleicht auch deswegen lobt er mich bei der ersten Stunde auffällig oft. Da will mich doch jemand anstacheln, weiterzumachen.

Quelle: RP
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