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Mönchengladbach
Oratorium fesselt über zweieinhalb Stunden

Mönchengladbach. Am Fronleichnamstag ein großes Chorkonzert anzubieten ist eine riskante Entscheidung, werden doch die Feiertage mitten in der Woche zunehmend für Kurzurlaube genutzt. So war der Besuch bei der Aufführung des Oratoriums "Die Jahreszeiten" von Joseph Haydn in der Kaiser-Friedrich-Halle weder dem wunderschönen Werk noch dessen bemerkenswerter Interpretation angemessen. Von Heide Oehmen

Zunächst ist der gut gerüsteten Niederrheinischen Chorgemeinschaft ein Kompliment zu machen. Bereits im auf den Frühling einstimmenden Chorsatz "Komm, holder Lenz" nahmen die rund 60 Damen und Herren dank gepflegter, flexibler Tongebung und deutlicher Diktion für sich ein. Die immer noch herrschende Crux der Unterbesetzung in den Männerstimmen wurde meist geschickt kaschiert. Auch die so "leicht" anmutenden, aber tückisch schweren Haydn'schen Fugen wussten die von Chordirektorin Maria Benyumova geschulten Vokalisten beachtlich zu meistern. Nach dem strahlkräftigen Schlusschor "Dann singen wir, dann gehen wir ein in deines Reiches Herrlichkeit" feierte das trotz der Länge des Werkes bis zum Schluss faszinierte Publikum den Chor mit ausdauerndem Applaus. Dieser galt in gleichem Maße den Niederrheinischen Sinfonikern, die sich mit edlem Wohlklang dem vokalen Geschehen anpassten, die Einleitungen zu den jeweiligen Jahreszeiten ausdrucksvoll muszierten und mit ungezählten feinen Soli glänzten.

Den drei Solisten sind umfangreiche Arien, Duette und Terzette zugedacht, alle sehr dankbar, aber hoch anspruchsvoll. Sopranistin Sophie Witte wirkte mit ihrem silbrigen, dennoch warm getönten Sopran, mit Koloraturfertigkeit und müheloser Höhe wie geschaffen für die Partie der Hanne. Lediglich die Textverständlichkeit war nicht durchgehend gegeben. Rafael Bruck gab - nach einigen pathetischen Übertreibungen zu Beginn - einen sich achtbar steigernden Simon, der vor allem in der ernsten Arie "Erblicke nun, betörter Mensch" dank seines volumenreichen Baritons mit guter Höhe und durchaus noch ausbaufähiger Tiefe fesselte. - Nicht durchgängig überzeugen konnte diesmal der Tenor Michael Siemon als Lukas. Neben sehr ausgeglichenen dezenten Passagen wirkte sein Forte oft unorganisch. Als Terzett agierten die drei klangschön und einfühlsam zusammen.

Generalmusikdirektor Mihkel Kütson achtete mit vollem Körpereinsatz auf nahtloses Miteinander und reiche Differenzierung. Er brachte (da er zwischen den einzelnen Nummern keine Pausen zuließ) das Kunststück fertig, die zweieinhalb Stunden zu keinem Zeitpunkt langatmig erscheinen zu lassen. Am Schluss dankte er allen seinen Mitstreitern mit einer tiefen Verbeugung.

Quelle: RP
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