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Nachgefragt Reinhold Messner
Selfies sind eine Krankheit

Nachgefragt Reinhold Messner: Selfies sind eine Krankheit
Fotos (2): GRENZGANG FOTO: GRENZGANG
Mönchengladbach. Er war der erste Mensch, der alle Achttausender bestiegen hat - unter anderem den Mount Everest. Jetzt hält der 72-Jährige einen Vortrag in der Kaiser-Friedrich-Halle.

Sie waren schon mehrmals in Mönchengladbach, was verbinden Sie mit der Stadt?

Reinhold Messner Bei diesen Vortragsreihen kann ich die Städte eigentlich nicht genießen. Die Stadt reduziert sich meist auf einen Vortragssaal und die Menschen, die ich kennenlerne, etwa bei der Signierstunde davor und danach. Die Stadt ist für mich eine gewisse Gruppe von Menschen, mit einem bestimmten Dialekt - den spürt man aber bei euch in Mönchengladbach nicht so - und einer bestimmten Couleur. Das ist das, was mir bleibt. Ich war öfter in Mönchengladbach und habe es auch sehr genossen, sonst würde ich nicht mehr wieder kommen.

Reinhold Messer spricht im Vortrag unter anderem über den Tod. FOTO: GRENZGANG

Was erwartet die Zuhörer bei Ihrem Vortrag "ÜberLeben mit Reinhold Messner" und ist es auch was für Menschen, die sich noch nie mit Ihrer Person beschäftigt haben?

Messner Alle können kommen, auch diejenigen, die nie etwas Höheres als einen Barhocker bestiegen haben. Die Bilder und Filme, die ich zeige, sind eine kleine Hilfe, um sie in mein Seelenleben mitzunehmen. Ich erzähle Geschichten. In diesem Fall mit dem Hintergrund: Was bedeutet eigentlich das Leben - aus meiner Sicht. In diesem Vortrag gehe ich unter anderem auf die Fragen ein: Gibt es Gott ? Und was kommt nach dem Tod? Ich merke immer mehr, dass diese authentische Erzählweise mehr Menschen begeistert als früher, weil die modernen Medien vielfach als steril gelten. Und deswegen stürmen die Leute in diese Vorträge.

Moderne Medien ist ein gutes Stichwort: In sozialen Netzwerken ist es ein Trend, auf hohe Gebäude oder Baukrane zu klettern und ein Foto am Abgrund zu machen - können Sie als Bergsteiger das nachvollziehen?

Messner Das ist Wichtigtuerei. Ich muss mich nicht am Everest oben fotografieren. Was soll es, wenn ich auf einen Kran hochsteige, der Handwerker war ja auch schon oben. Sie werden von mir kein einziges Posting finden. Sie finden viele Bilder von Menschen, die sich mit mir fotografieren lassen. Ich komme durch keinen Flughafen, ohne dass mich nicht Leute aufhalten, die sagen: "Bitte ganz schnell nur ein Selfie!" Ich sage nichts mehr, weil es viel zu anstrengend ist, jedem zu erklären, dass das eine schlimme Krankheit ist. Ich bleibe geduldig und sage: "Wenn Sie schnell sind, dann kriegen Sie das Selfie, wenn es sie glücklich macht." Aber was haben die Leute davon, wenn sie sich mit mir fotografieren lassen? Es ist eine Krankheit geworden. Es tun alle, also tut man das auch.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie eher ein ängstlicher Typ sind - wo macht sich das bemerkbar?

Messner Wenn ich nicht ängstlich und vorsichtig wäre, dann wäre ich nicht mehr am Leben. Die Vorstellung, dass Abenteurer oder Bergsteiger besonders mutig sein müssen, ist völlig falsch. Wenn ich nicht im Vorfeld meinen Ängsten Gehör verschaffe, weil ich dies oder jenes nicht gelernt habe und das dann nicht nachhole, dann würde ich wahrscheinlich relativ schnell umkommen. Allerdings braucht es früher oder später auch die Gabe, es dann zu wagen. Wenn ich einen Traum habe, den ich umsetzen möchte, dann muss ich mich bestens vorbereiten. Es bleibt immer ein Restrisiko übrig. Der Berg allein ist immer ein Gefahrenraum. Und dann versuche ich Tag für Tag, Stunde für Stunde, Sekunde für Sekunde auf diese Gefahren, die da sind, zu reagieren. Und wenn ich sie im Voraus schon einmal durchdacht habe, dann tue ich mich leichter.

Wie kann man sich in solcher Höhe noch bewegen, wie kommt man bei der Kälte noch voran?

Messner Sie müssen sich bewegen, sonst erfrieren Sie. Am Everest hatten wir 40 Grad minus auf 8800 Meter Meereshöhe: Bewegen, ein Schritt, Pause, atmen, wieder ein Schritt. Nur die Bewegung hält warm. In der Antarktis gab es Rasten von fünf bis zehn Minuten, sonst wären wir angefroren. Die Bewegung ist der Wärmemotor für den Körper. Das muss man lernen und das geht nur in kleinen Schritten. Zuerst besteigt man einen kleineren und nicht so kalten Berg. Das traditionelle Abenteuer kann man nicht von heute auf morgen lernen, da braucht es Jahrzehnte dafür.

Wie ernährt man sich auf so einer Tour?

Messner In einer großen Höhe haben Sie gar keine Notwendigkeit, weil der Körper gar nicht verdauen will. Ein paar Tage lang kann man Glykogen und Fett speichern. Aber wenn ich natürlich drei Monate lang durch die Antarktis gehe bei 40 Grad minus durchschnittlich, mit einem schweren Schlitten im Kreuz, dann brauch ich Energie. Ich muss fettreiche Nahrung essen in der Antarktis. Am Berg ist das nicht gut, da arbeiten wir mehr mit Kohlenhydraten. Die Kunst ist, die Energie aus so wenig Kilogramm wie möglich zu schöpfen.

Sie erobern auch die Filmwelt - gerade hatte ihr Werk "Still alive" Premiere. Jetzt möchten Sie auch nach Hollywood?

Messner Nein. Es gibt einen Stoff von mir, den ein Hollywood-Produzent eingekauft hat. Er hat noch vier Jahre Zeit das zu verwirklichen. Wenn ja, dann freue ich mich. Aber darauf habe ich wenig Einfluss und wäre auch selbst nicht der Regisseur. Wichtiger ist mir, das Selbermachen in Europa. Ich möchte weiterhin Erfahrung aufbauen im Geschichtenerzählen als Regisseur. Ich bin ein Geschichtenerzähler, ob ich auf der Bühne stehe als Vortragender, am Lagerfeuer meiner Familie etwas erzähle oder als Filmemacher. Die komplexeste Form ist der Film und der hat mich in seinen Bann genommen.

Was hat sie am meisten in Ihrem Leben beeindruckt?

Messner Ich würde sagen, das Zusammenspiel der Erde, wie sie ist - vor allem dort, wo sie wild geblieben ist. Und unsere Natur ist sehr spannend. Wie wir gemacht sind, aus dem Tierreich heraus haben wir uns entwickelt. Was wir Menschen mit dem Bewusstsein anstellen können ist einfach irre. Mich interessiert im Grunde der Mensch mit seiner Natur - nicht die Moral und die Regeln und die Gesetze, die draufgesetzt worden sind. Nicht die Religionen, sondern der nackte Mensch, mit seinen inneren Gesetzen. Und das bricht nur auf, wenn ich mich der wilden Natur ausliefere. Das ist mein Thema und auch das Thema meines Vortrages "Überleben". Es geht dabei nicht um das Überleben, sondern "Über das Leben". Ich erzähle "Über das Leben."

DAS GESPRÄCH FÜHRTE LENA KÖHNLEIN.

Quelle: RP
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