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Bernhard Paul
"Zeitgeist ist eine schnell verderbliche Ware"

Mönchengladbach. Bernhard Paul gehört zu den profiliertesten Zirkusmachern der Welt. Im RP-Interview erzählt er, was ein gutes Programm ausmacht.

Wir treffen ihn dort, wo er sich am wohlsten fühlt: im Café des Artistes, dem rollenden Wiener Kaffeehaus des Circus Roncalli. Bernhard Paul hat eine Tasse Cappuccino vor sich stehen, steckt sich eine Zigarette an und kommt ins Schwärmen. Denn obwohl der 69-jährige Zirkusdirektor ein unruhiger Geist ist, der ständig an neuen Ideen arbeitet, für ein Gespräch über die Anfänge des Circus Roncalli vor 40 Jahren nimmt er sich Zeit.

Herr Paul, woher kommt Ihre Faszination für den Zirkus?

Bernhard Paul Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, als ich etwa fünf oder sechs Jahre alt war. Ich war damals zum ersten Mal in einer Zirkusvorstellung, und plötzlich tat sich für mich eine ganz neue Welt auf. Es war eine Gegenwelt zu der schwarz-weißen Industriekulisse voller Fabriken, die ich sonst kannte. In diesem Moment habe ich beschlossen, das wird mein Leben sein.

Und wie hat Ihre Familie auf diesen Wunsch reagiert?

Paul Meine Mutter hat mich immer gewarnt: "Wenn du nicht lernst, landest du beim Zirkus oder unter der Brücke." Zirkus hatte damals noch einen anderen sozialen Stellenwert. Doch das war mir alles egal. Man sollte eben früh wissen, was man mit seinen Leben machen will.

Trotzdem haben Sie erst eine klassische Ausbildung gemacht.

Paul Ich habe meiner Mutter versprochen, als Basis etwas Vernünftiges zu lernen. Dazu gehörte meine Hoch- und Tiefbau-Ausbildung. Danach habe ich in Wien Grafik studiert und war lange Zeit als Art Director tätig. Das war alles gut, weil es mir dabei hilft, was wir hier machen. Zirkus ist ein Gesamtkunstwerk. Und anstatt für jede Kleinigkeit einen Spezialisten zu holen, gebe ich einfach überall meinen Senf dazu. Dann ist alles aus einem Guss und gibt ein harmonisches Bild ab.

War es denn nicht schwierig, Ihr normalbürgerliches Leben aufzugeben, um Zirkus zu machen?

Paul Ich habe niemals ein normalbürgerliches Leben geführt. Wollte ich nie, werde ich auch nie. Ich bin Rock'n'Roller und habe schon während meines Studiums mit Musik Geld verdient. Die Kunst ist mir wichtig. Ich konnte mich nur nicht zwischen Architektur, Musik, Grafik und Malerei entscheiden. Bis ich gemerkt habe, dass im Zirkus alles vereint ist.

Hat sich Zirkus im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Paul Früher saßen die Kids mit offenen Mündern in jeder Vorstellung. Sie hätten eher in die Hose gemacht, als für einen Moment das Zelt zu verlassen, um zur Toilette zu gehen. Den Kindern von heute, die mit Fernseher, Internet und Smartphone aufgewachsen sind, muss man schon Spektakuläres bieten, um die Aufmerksamkeit zu halten.

Was bedeutet das für Sie als Zirkusmacher? Müssen die Nummern immer gefährlicher werden?

Paul Manche Zirkusse machen das so, ich halte davon nicht viel. Für mich ist Zirkus zum Hinschauen, nicht zum Wegschauen gedacht. Es ist ein visuelles Spiel. Dazu gehören tolle Kostüme, schöne talentierte Menschen, eine gute Dramaturgie und schnelles Timing. Es bringt auch nichts, verzweifelt irgendeinem Zeitgeist hinterherzurennen. Das ist verlockend, aber letztlich unterhaltungstechnischer Populismus. Denn Zeitgeist ist eine schnell verderbliche Ware. Was heute interessiert, langweilt morgen schon wieder. Stattdessen müssen wir bestimmen, was sehenswert ist. Und ein Programm ist genau dann gut, wenn der Intellektuelle an der gleichen Stelle wie das Kleinkind lacht.

Wie suchen Sie die Artisten aus, die im Circus Roncalli auftreten dürfen?

Paul Man muss viele Frösche küssen, ehe man einen Prinzen findet. Wir nehmen auch nicht nur bekannte Topnummern auf, sondern entdecken und fördern selbst junge Talente. Dafür sind wir weltweit unterwegs. Zirkus war schon im Mittelalter eine multikulturelle Gemeinschaft. Und das klappt auch sehr gut. Schließlich bin ich Oberbürgermeister und oberster Richter in einer Person. Jeder soll seinen Glauben ausleben, solange er niemandem damit schadet. Unsere gemeinsame Religion heißt Vernunft. Wir sind der Kunst verpflichtet und dem Publikum.

Im aktuellen Programm treten auch Ihre beiden Töchter Lili und Vivi mit Solodarbietungen auf. Was ist das für ein Gefühl, sie in der Manege zu sehen?

Paul Manchmal denke ich schon ,Oh Gott', wenn ich beispielsweise Vivi in mehreren Metern Höhe in den Seilen hängen sehe. Doch ich lasse sie machen. Das Wichtigste ist, dass die Kinder das machen, was sie lieben. Natürlich steckt da viel Arbeit drin. Für Faule ist Zirkus nichts. Es sind alle Emotionen vorhanden, nur die Langeweile nicht.

Sie werden im Mai 70 Jahre alt. Denken Sie manchmal daran, den Stab gänzlich an Ihre Kinder abzugeben?

Paul Ich werde niemals 70, bestenfalls 69 Plus. Und der Circus Roncalli ist keine Bleistiftfabrik, sondern eine gewachsene Geschichte ohne Anfang und Ende. Man kann ihn auch mit einer Zwiebel vergleichen: Immer wenn man denkt, etwas begriffen zu haben, stößt man wieder auf eine neue Schicht. Da ist es wichtig, jemanden zu haben, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat - und das bin ich (lacht). Meine Kinder beobachten, lernen ständig dazu, saugen bei jedem Gespräch die Tausend Details auf, die zu beachten sind, bis dahin, zu welcher Jahreszeit man in welcher Stadt auftreten sollte. Doch der Beruf des Zirkus-Direktors ist eben nicht nach fünfjähriger Ausbildung ausgelernt.

Sie haben vom Bundesverdienstkreuz am Bande bis zu diversen Kulturpreisen bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Gibt es eine, die ihnen besonders am Herzen liegt?

Paul Meine wichtigste Auszeichnung habe ich von einer alten Dame bekommen, die von ihrer schmalen Rente gleich dreimal die Vorstellung des Circus Roncalli besucht hat. Als sie das dritte Mal da war, drückte sie mir plötzlich einen selbst gebackenen Gugelhupf in die Hände, mit Puderzucker obendrauf, und sagte: "Danke, dass es Sie gibt." Das hat mich sehr gerührt. Und der Kuchen hat auch noch tierisch gut geschmeckt.

BEATE WYGLENDA STELLTE DIE FRAGEN

Quelle: RP
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