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Serie (auftakt) Mein Viertel
Mattheck: Es muss noch viel passieren

Serie (auftakt) Mein Viertel: Mattheck: Es muss noch viel passieren
Leo Otterbein an der Ecke Leipziger Straße/Dresdener Ring: Er ist ein Kind des Viertels, lebt schon immer hier. FOTO: Christoph Reichwein
Moers. Zum Auftakt unserer neuen Serie "Mein Viertel" besuchen wir Leo Otterbein in der Mattheck. Er ist ein Kind des Viertels. "Das Klima war zunächst noch gut. Die sozialen Probleme haben erst in den 80er Jahren angefangen" , erklärt der 77-Jährige. Von Josef Pogorzalek

Moers Leo Otterbein ist einer, der sich einmischt, der mit anpackt und sich engagiert. Das war schon so als Betriebsrat bei Schmitz und Söhne in Homberg, wo der Moerser 35 Jahre lang als Elektroschweißer beschäftigt war. Das gilt auch für das Programm Soziale Stadt in "Majo" - der Mattheck und dem Josefsviertel -, das Ende 2015 nach zehn Jahren ausläuft. "Ich war von Anfang an dabei", sagt der heute 77-Jährige.

Otterbein ist ein Kind des Viertels - obwohl sein Elternhaus im "Niemandsland" an der Rheinhausener Straße gestanden habe. "Das hing so dazwischen, es war mehr oder weniger ein Feldweg." An die Kindheit und Jugend in der Mattheck erinnert sich Otterbein gerne. "Wir fühlten uns pudelwohl hier." Die Mattheck war ursprünglich eine Siedlung aus Baracken des belgischen Militärs, das im Zuge der Besetzung des Rheinlands nach dem Ersten Weltkrieg nach Moers gekommen war. Später bezogen Arbeiterfamilien die einfachen, preiswerten Soldatenstuben. "Die Leute legten Blumenbeete und Ställe an, fast jeder züchtete Tiere. Als Kinder sind wir oft hingegangen und haben Kaninchen für die Mutter geholt", erzählt Otterbein. "Die Leute lebten in einer sehr guten Nachbarschaft miteinander."

Zur Siedlung gehörte ein Badehaus mit Duschen und Wannen. "15 Minuten duschen kosteten 20 Pfennig. Wenn man zu lange drin war, rief der Bademeister: Wasser abstellen!" Der Wartesaal der Badeanstalt war eine Börse für Tratsch, Klatsch und Neuigkeiten. Auch zum Fußball-Bolzen gingen die Kinder in die Mattheck. Oder sie feuerten auf dem damaligen Sportplatz den Grafschafter Spielverein an.

Anfang der 70er Jahre wurden die alten Baracken abgerissen, die Neue Heimat errichtete eine Wohnsiedlung. Leo Otterbein zog mit seiner Frau und zwei Söhnen in ein Haus am Dresdener Ring, wo er noch heute wohnt und sich wohlfühlt. Neben den ehemaligen Mattheck-Bewohnern zogen ins Umfeld zunehmend Gastarbeiter und andere Menschen mit Migrationshintergrund ein. "Aber das Klima war zunächst noch gut", sagt Otterbein. "Die sozialen Probleme haben erst in den 80er Jahren angefangen."

2,5 Millionen Euro Landesmittel sind in den vergangenen zehn Jahren geflossen, um die Probleme in dem sozialen Brennpunkt zu mildern, in dem Menschen aus 60 Nationen, viele Arbeitslose und kinderreiche Familien leben. Schon vor dem Start des Programms war Otterbein in einem Mieterrat aktiv. Mit Beginn der Sozialen Stadt machte er mit beim Runden Tisch, an dem freitags aktuelle Probleme besprochen wurden. Majo-Konferenz, Neugestaltung von Rheinhausener Straße und Leipziger Platz - Otterbein brachte sich stets ein. Natürlich ist er Mitglied im Bürgerverein Mattheck-Josefsviertel-Moers. "Wenn die Soziale Stadt ausläuft, sind wir als Verein gefragt", sagt er. Zu tun gebe es noch sehr viel. "Abends kann man sich kaum auf die Straße trauen", fasst Otterbein die Situation zusammen, wie sie viele sähen. Er spricht von Jugendlichen, die Frauen anpöbeln, von Rasern, die sich einen feuchten Kehricht um Tempo 30 scheren. "Wenn man sie anspricht, bekommt man dumme Antworten zu hören." Die Deutschen und ihre Nachbarn mit Migrationshintergrund lebten nach wie vor in zwei weitgehend getrennten Welten. Und die Soziale Stadt? "Das hat einiges gebracht. Aber wir haben uns mehr erhofft."

Amar Azzoug, bis Ende des Jahres Stadtteilmanager, blickt naturgemäß anders auf die Arbeit der letzten Jahre. "Wir haben viel erreicht", sagt er. Beispiel: die Erfolge im Bereich Bildung und Jugend, wie eine überaus effiziente Hausaufgabenbetreuung. "Früher gab es hier fast nur Hauptschüler", sagt Azzoug. "Jetzt ist der Anteil von Gymnasiasten und Gesamtschülern einer der höchsten in Moers." Derzeit werde in Zusammenarbeit mit der Stadt ein Konzept entwickelt, wie die mit der Sozialen Stadt begonnene Arbeit fortgeführt werden kann. "Der Bürgerverein und das Nachbarschaftshaus an der Annastraße werden dabei große Rollen spielen." Sicherlich auch das Jugendzentrum, das in den bisherigen Räumen des Stadtteilbüros an der Leipziger Straße eingerichtet werden soll.

Vor allem komme es darauf an, dass die Menschen sich weiter einbringen, sagt Azzoug. "Ohne die Mitwirkung der Bewohner hätten wir gar nichts machen können." Leo Otterbein wird seinem Viertel sicherlich weiter die Treue halten und sich einmischen. Sein Motto: "Vor Problemen kann man nicht weglaufen, man kann nur versuchen, sie zu meistern."

Quelle: RP
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