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Moers
Mit Boxhandschuhen zur Integration

Moers: Mit Boxhandschuhen zur Integration
Sahan Aybay (links) im Pratzentraining mit einem Teilnehmer des ersten Moerser Boxcamps für Kinder und Jugendliche. FOTO: Klaus Dieker
Moers. Die Freddy-Fischer-Stiftung, der Verein "Klartext für Kinder", der Boxclub ABC-Rheinkamp und die Stadt Moers haben 30 Kinder von Flüchtlingsfamilien und aus benachteiligten deutschen Haushalten zu einem Boxcamp eingeladen. Von Jürgen Stock

In der Enni-Sporthalle ist es an diesem sonnigen Freitag schon ziemlich warm. Nähert man sich jedoch dem Boxring an der einen Seite der Halle, steigen die Temperaturen gefühlt noch um ein paar Grade. Da treibt ein kräftig gebauter dunkelhaariger Junge einen hellhäutigen blonden Schlaks vor sich her. "Auf die Leber, nicht auf den Kopf", kommandiert der Trainer. "Schritt nach hinten, dann die Gerade; lass ihn sich auspowern!" Tatsächlich trifft der kräftige Junge nicht wirklich, und der Schlaks trifft einige Male präzise aus der Defensive, wenn auch ohne Wirkung.

Aber darum geht es auch nicht: Am letzten Tag des dreitägigen Camps dürfen die 26 Jungen und vier Mädchen aus dem Moerser Osten zeigen, was sie in den vergangenen drei Tagen unter der Regie des ehemaligen Meisterboxers Jürgen Fikara beim ersten Moerser Boxcamp für Kinder gelernt haben. Eingeladen hatten die Freddy-Fischer-Stiftung, der Verein "Klartext für Kinder", der Boxclub ABC Rheinkamp und die Stadt Moers, deren Jugendamtsmitarbeiter die Zwölf- bis 15-Jährigen ausgesucht hatten.

Bürgermeister Christoph Fleischhauer hatte die Schirmherrschaft übernommen. Je 15 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und 15 Kinder aus benachteiligten deutschen Familien wurden täglich vom Kamp-Lintforter Busunternehmen Hansi ins Rheinkamper Sportzentrum gefahren, wo neben Trainer Fikara und Mitgliedern des Vereins ABC auch der mehrfache deutsche Amateur-Jugendmeister und angehender Jung-Profi Sahan Aybay (20) sich um die Gäste kümmerten. "Ich habe das vor allem deshalb gemacht, weil auch Flüchtlinge dabei sind", berichtet Aybay. "Ich habe mir gedacht, dass es für sie einfacher ist, wenn sich jemand um sie kümmert, der selbst einen Migrationshintergrund hat."

Am Anfang seien die Box-Novizen noch etwas hyperaktiv gewesen, sagt Aybay. "Das hat sich aber schnell gelegt, als wir sie einmal richtig belastet haben." Für viele sei zudem ungewohnt gewesen, einmal richtig zuzuschlagen: "Mit einem Freund im Ring zu stehen und dann trotzdem zuzulangen, daran muss man sich erst mal gewöhnen", sagt Aybay.

Schon in seiner Heimat Iran hatte Daniel geboxt. Der 14-Jährige musste sich im Ring trotzdem umstellen: Denn er bekam als Gegnerin mit der 13-jährigen Bilek zu tun. Mit der Zurückhaltung war es rasch vorbei, als Daniel merkte, dass Bilek im Kampf auch nicht gerade Wattebäuschchen verteilte. Und wie ging's aus? Beide gucken sich an: "Unentschieden", sagt Bilek. Daniel nickt. Beide gelten nach Meinung der Experten als Naturtalente. Während Daniel sich schon entschieden hat, dem ABC Rheinkamp beizutreten, will Bilek noch überlegen.

Insgesamt drei Jugendliche wollen nach dem Camp dem Boxclub beitreten. Sie dürfen ihre Boxausrüstung behalten. Die übrigen Handschuhe gehen in den Vereinsbesitz über.

Freddy Fischer will das Projekt im Herbst in Repelen wiederholen und wenn möglich institutionalisieren. In Essen ist ihm das schon geglückt. Dort trainieren regelmäßig 120 Jugendliche im Don-Bosco-Boxclub, der ebenfalls als Camp angefangen hatte. "Boxen hilft gerade schwierigen Menschen, sich zu fokussieren", sagt Fischer, der früher selbst im Ring gestanden hat. "Hätte ich diesen Sport nicht gehabt, wäre mein Lebensweg vermutlich anders verlaufen." Fleischhauer begrüßt Fischers Projekt und verspricht Unterstützung: "An den Örtlichkeiten wird es jedenfalls nicht scheitern."

Quelle: RP
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