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Moers
Tödliche Schüsse lösen Debatte aus

Polizisten in Moers erschießen Messer-Angreifer
Polizisten in Moers erschießen Messer-Angreifer FOTO: Christoph Reichwein
Moers. Der Polizeieinsatz am Montagabend, in dessen Verlauf ein 48-jähriger Iraner erschossen wurde, wirft Fragen auf: Waren die Schüsse verhältnismäßig, und wurde der offensichtlich psychisch labile Flüchtling ausreichend betreut? Von Jürgen Stock

Nach den tödlichen Schüssen am Moerser Bahnhof ist nicht nur in den sozialen Medien eine Debatte entbrannt, ob die Polizei sich angemessen verhalten hat. Auch die Moerser Staatsanwaltschaft muss sich diese Frage stellen. Sie ist deshalb äußerst zurückhaltend mit der Preisgabe von Tatdetails. Gestern bestätigte sie lediglich, dass aufgrund der ballistischen Untersuchungen feststehe, dass beide am Einsatz beteiligten Beamten geschossen hätten. Drei Kugeln hatten das mit einem Messer bewaffnete Opfer getroffen, eine davon war tödlich. Nach der Aussage von Zeugen sollen die Polizisten vier bis sechs Mal geschossen haben.

Nach dem Zwischenfall hatten die Beamten dem Angeschossenen Handschellen angelegt. Das hatte teilweise für Befremden gesorgt. Eine Sprecherin der Kreispolizeibehörde stellte gestern jedoch klar, dass die Beamten vorschriftsmäßig gehandelt hätten. In derartigen Fällen müsse es zunächst darum gehen, jede weitere Gefährdung für die Polizisten selbst oder Umstehende auszuschalten. Danach seien aber sofort Reanimationsmaßnahmen eingeleitet worden.

Da die Staatsanwaltschaft sich aus ermittlungstaktischen Gründen zurückhält, ist bislang nicht klar, in welche Körperteile der unter Alkohol und Cannabis stehenden Iraner getroffen wurde.

Erich Rettinghaus, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, betonte, dass Polizisten angewiesen seien, wenn möglich in Arme und Beine zu schießen. "Das wird auch trainiert", sagte er. "Und mit Sicherheit werden das die beiden Beamten auch versucht haben. Aber Polizisten sind keine Kunstschützen, zumal unter den Bedingungen der konkreten Einsatzsituation."

Beide junge Polizisten, die geschossen hatten, werden psychologisch betreut und sind bislang dienstunfähig geschrieben. Auf einen anderen Aspekt des Vorfalls machte Amar Azzoug aufmerksam, der Vorsitzende des Bunten Tischs: "Gerade unter Flüchtlingen sind überproportional viele Menschen mit psychischen Problemen", sagt er. "Sie haben oft Fürchterliches erlebt, werden mit ihrem Trauma aber allein gelassen. Für Deutsche ist es schon schwierig, einen Termin bei einem Facharzt für psychische Erkrankungen zu bekommen. Für Flüchtlinge ist das fast unmöglich."

Tatsächlich bietet im gesamten Kreis Wesel nach den Recherchen unserer Redaktion nur die Awo eine psychosoziale Beratungsstelle für Flüchtlinge an.

"In Moers bekommt jeder Flüchtling eine Gesundheitskarte und kann mit einer Überweisung zum Facharzt", betonte dagegen Thorsten Schröder von der Stadt. "Das eigentliche Problem ist meist die Sprache: Die Menschen öffnen sich nicht." Niemand wisse daher, wie viele psychisch kranke Flüchtlinge es gebe.

Ausgerechnet der jetzt Erschossene schien aber auf einem guten Weg zu sein. Er fand bei der Stadt einen Farsi sprechenden Betreuer, dem er sich anvertraute. Nach einem ersten Beratungsgespräch war bereits alles vorbereitet, um ihn in einer Duisburger Fachklinik aufzunehmen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Quelle: RP
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