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Moers
Unterwegs in der Festungsstadt Rees

Moers: Unterwegs in der Festungsstadt Rees
Die Festungsstadt Rees, mit ihren Mauern, Türmen, Toren und Kasematten, hat es Michael Hoffmann (74) besonders angetan. FOTO: Michael Scholten
Moers. Wer mit Michael Hoffmann durch den historischen Stadtkern von Rees schlendert, sollte viel Zeit mitbringen. Denn der 74-jährige Architekt kennt sich gut aus in der Geschichte jeder einzelnen Straße. Von Michael Scholten

Als ehemaliger Stadtplaner hat sich Michael Hoffmann in den 80er Jahren beruflich intensiv mit der Historie der ältesten Stadt am unteren Niederrhein befasst. Dass aus dem Auftrag schnell private Leidenschaft wurde, ist auch daran abzulesen, dass er direkt nach Rees zog und 1986 Bürger der Stadt wurde. Hoffmann restaurierte ein altes Haus Am Bärenwall, in dem er bis heute wohnt und seine Galerie betreibt. Außerdem war er viele Jahre Vorsitzender des Reeser Geschichtsvereins Ressa und sitzt bis heute im Kuratorium der Stiftung des Koenraad-Bosman-Museums mit angeschlossenem Skulpturenpark.

Beim Spaziergang durch die Innenstadt lenkt Michael Hoffmann den Blick des Besuchers zunächst auf den Boden. Im Rahmen der sogenannten Wohnumfeldverbesserung, für die der ehemalige Stadtdirektor Gerd Klinkhammer in den 80er Jahren mehrere Millionen Mark aus den Fördertöpfen der Landesregierung nach Rees holte, erhielt der historische Teil der Stadt neue Straßen. Es wurden "reeserrote" Ziegelpflastersteine verlegt, die immer wieder durch Natursteinbänder aus grauem Granit unterbrochen werden.

"Selbst manche Reeser wissen gar nicht, was sich hinter bestimmten Steinmustern verbirgt", sagt Michael Hoffmann und erklärt: "An den Straßen Vor dem Delltor und Vor dem Falltor symbolisieren die Steine die Grundrisse der früheren Stadttore." Die Festungsstadt Rees, mit ihren Mauern, Türmen, Toren und Kasematten, hat es dem Geschichtsfreund Hoffmann besonders angetan. Im 17. und 18. Jahrhundert erweiterten holländische und französische Festungsbauer die Reeser Anlage, deren Baukunst sich noch heute an manchen Stellen bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, um ein Wall- und Grabensystem mit untereinander verbundenen Vorwerken. Wer im Städtischen Museum Koenraad Bosman das Stadtmodell besichtigt, erkennt sofort, wie überlebenswichtig den Reesern einst die Verteidigung ihrer am Rhein gelegenen Stadt war.

Der Rheinpark, der im September 25 Jahre alt geworden ist, erzählt viel mehr über die historische Festung, als der Besucher beim Spaziergang durch die schmucke Grünanlage denken mag. "Für den 2000 Quadratmeter großen See haben wir bewusst eine Dreiecksform gewählt", sagt Michael Hoffmann, "weil auch die Wassergräben, die als zusätzlicher Schutz um die Stadtmauer angelegt waren, diese Dreiecksform hatten."

Michael Hoffmann und der damalige Bauamtsleiter Ulrich Paßlick hatten die Vision, den Bereich zwischen Rhein und Stadtmauer auf den "Urzustand" des 18. Jahrhunderts zurückzusetzen. Allerdings stand die Käsefabrik Raadts, die seit 1906 die alten Hallen der Papierfabrik van Randenborgh genutzt hatte, im Weg. Die Fabrik verdeckte nicht nur die Sicht auf die historische Stadtmauer, sondern nutzte zum Teil sogar deren Zwischenraum, der einst mit Erdreich gefüllt war, als Lagerstätte.

Die Firma Raadts nahm das Angebot der Stadt an, ins Gewerbegebiet zu ziehen und die alte Fabrik abreißen zu lassen - so erhielt Rees einen neuen Wassergraben, der historischen Vorlagen nachempfunden ist, und auf dessen Oberfläche sich die alte Stadtmauer mit restauriertem Wehrturm und jüdischem Friedhof widerspiegelt. Gern hätte Michael Hoffmann am Ende des Rheinparks auch das alte Rheintor durch eine Metallkonstruktion mit Rankenbewuchs angedeutet. "Die Auslassungen im Pflaster habe ich damals einbauen lassen, vielleicht kommt das ja eines Tages noch", sagt der Stadtplaner a.D.

"Michael Hoffmann verbindet den nüchternen, analysierenden Ansatz des Architekten mit der visionären Kreativität des Stadtplaners und interpretiert sie mit allen Stilmitteln der Kunst", betonte Kunsterzieher Hubert Beenen im Jahr 2013, als Michael Hoffmann im Reeser Museum eine seiner zahlreichen Ausstellungen eröffnete. Am Sonntag, 5. November, nimmt Hoffmann auch am "Reeser Kunst Sonntag" teil, den er vor 17 Jahren mitbegründete. Dann öffnet er von 11 bis 18 Uhr sein Atelier Am Bär 7 und teilt gern Geschichte und Geschichten mit den Besuchern - so etwa die von seinem namhaften Vorvorvorgänger, dem "Geheimen Baurat" Joseph Stübben.

Der hinterließ in Aachen, Köln, Brügge, Wien, Prag und vielen anderen Städten seine Spuren. 1899 erstellte er auch einen Bebauungsplan, der aus Rees eine "Gartenstadt" machen sollte. Vorgesehen waren breite Alleen für Pferdekutschen, Reiter und Fußgänger entlang des Rheins. "Stübben wollte dafür große Teile der Stadtmauer abreißen lassen", sagt Hoffmann, "doch zum Glück fehlte es den Stadtvätern an Geld für diese fragwürdige Aktion." Am Ende wurde von den Stübbens großen Plänen nur der Westring realisiert, der einzige Ring im ansonsten verkehrstechnisch eher ruhigen Rees.

Anders als Joseph Stübben, wäre Michael Hoffmann, der 1943 als Sohn einer Kunstlehrerin und eines Dekorateurs in Ostpreußen zur Welt kam, nie in den Sinn gekommen, Jahrhunderte alte Anlagen abreißen zu lassen. Zu seiner Berufsauffassung gehörte es stets, das Historische zu erhalten und in Kombination mit dem Neuen erstrahlen zu lassen. An manchen Tagen musste das verdammt schnell gehen: "Einmal fiel dem Bauamtsleiter ein, dass er am Nachmittag ein neues Konzept für den Reeser Stadtgarten präsentieren wollte", erinnert sich Hoffmann und lacht: "Es gab aber kein Konzept, weshalb ich den Plan noch am selben Vormittag entwerfen musste." Ironie der Geschichte: "Mein Konzept wurde später weitgehend umgesetzt."

Quelle: RP
 
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