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Nettetal
Auch ein Breyeller war Reichsfürst

Nettetal: Auch ein Breyeller war Reichsfürst
FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)
Nettetal. Neben den Grafen von Schaesberg auf Schloss Krickenbeck, die 1712 die Grafschaft Kerpen und Lommersum erwarben und für die damit ebenfalls der Weg in die Reichsunmittelbarkeit geebnet war (sie wurden für deren Verlust im frühen 19. Jahrhundert mit der Standesherrschaft Tannheim im heutigen Kreis Biberach entschädigt), erreichte eine weitere historische Persönlichkeit aus dem heutigen Nettetal Reichsfürstenwürde.

Arnold von Waldoes (es kommt auch die Schreibweise Waldois, also mit einem Dehnungs-I, vor), der von 1638 bis 1661 als Fürstabt dem Kloster an der Weser vorstand. Eine Lebensbeschreibung des Abtes, dessen Wirken von den großen Drangsalen geprägt war, die der Dreißigjährige Krieg an der Weser verursachte, weiß: "Der gute Herr hatte kummerliche Zeiten. Boden und Keller waren leer, kein Vieh in den Ställen, kein Schloss mehr an den Thüren. Doch half ihm Gott zu rechte. Seine Leutseligkeit ... gegen die Armen und Frembden wie auch seine gute Klosterzucht rühmen annoch catholische und uncatholische".

Arnold von Waldoes stammte von der längst untergegangenen Burg Overbeck in Breyell, an die heute nur noch die Overbeckstraße erinnert. Das eigentümliche Waldoes'sche Wappen zeigte einen Ochsenschädel, aus dem statt zwei Hörner zwei Menschenarme ragten. Mit Arnolds Bruder Adolf erlosch 1653 die männliche Linie der Waldoes in Breyell.

Übrigens war das Gebiet des heutigen Kreises Viersen eine reiche und vielfältige Adelslandschaft, von den - um nur einige Beispiele zu nennen - Grafen von Virmond auf Schloss Neersen, den Grafen von Spee auf dem Altenhof bei Kaldenkirchen, den Herren von Hochsteden auf Haus Velde bei Kempen, den Freiherren von Cortenbach auf Haus Schleveringhoven bei Bracht, den von Cloerlant auf Haus Brempt in Vorst, den von Nievenheim auf Haus Raedt bei Vorst, den von der Porten auf Haus Steinfunder in Schmalbroich, den von Offenberg und von Wachtendonk auf Haus Broich bei Willich bis zu den von Bocholtz in Lobberich und in Waldniel.

Diese und viele andere mehr waren Träger und Garanten dessen, was wir heute öffentliche Ordnung nennen, haben weltliche und geistliche Ämter bekleidet, standen als Lehensleute im Dienste ihrer Landesherren, der Kurfürsten von Köln, der Herzöge von Jülich und Geldern. Gegenüber Bürgern und Bauern waren sie natürlich in hohem Maße privilegiert, was im Rahmen einer letztlich als gottgewollt verstandenen Ordnung der Dinge weder von ihnen noch von jenen, die von ihnen abhängig waren, kritisch hinterfragt wurde.

Diese jahrhundertealte Ordnung wurde erst mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen ab 1794 beseitigt. Ist sie uns mehr als 200 Jahre später auch eine im Grunde fremde Welt, sollten wir uns doch hüten, über sie ein Urteil nach unseren Maßstäben zu fällen - und wenn wir nur daran denken, dass das, was heute an besonders Sehenswertem in unseren Städten und Dörfer erhalten ist, großenteils dieser Zeit zu verdanken ist.

(plp)
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