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Neuss
Die große Freiheit

Neuss. Nahezu geräuschlos durch den Himmel gleiten, Menschen zuwinken, die von oben aussehen wie Legomännchen, mitten im Nirgendwo landen: Unser Autor erlebte seine erste Ballonfahrt - und erhielt am Ende einen kuriosen Adelstitel. Von Simon Janßen

A ls ich spüre, dass die Entfernung zum Erdboden immer größer wird, schließe ich die Augen, um das mulmige Gefühl in meinem Magen zu bekämpfen. Sekunden später wage ich einen Blick über den Rand des Korbes. Die Straßen, Häuser, Bäume und Autos sehen aus, als wären sie Teil einer Lego-Landschaft. Schon bald weicht das mulmige Gefühl der Begeisterung.

Ein paar Stunden zuvor erhalte ich einen Anruf von den Düsseldorfer Stadtwerken. Eigentlich war der Start ihres neuen Heißluftballons an der Neusser Eissporthalle geplant. Von dort aus sollten wir über Düsseldorf schweben. Der Wind, der uns über den Flughafen getrieben hätte, machte dem Ursprungsplan jedoch einen Strich durch die Rechnung. Neuer Startpunkt: Willich.

Auf einer großen Freifläche in einem Gewerbegebiet treffe ich auf die anderen Passagiere. Mit Witzen à la: "Wo soll ich mein Testament abgeben", hatte ich im Vorfeld fest gerechnet. Ich hatte Recht. Es ist brütend heiß, der Schweiß perlt jedem über die Stirn. Sonnencreme-Tuben und Wasserflaschen machen die Runde. Ein leises Stöhnen ist zu hören, als die netten Ballonfahrer von "Skytours" uns mitteilten, dass wir beim Aufbau der beiden Ballons "richtig mit anpacken müssen". So eine Fahrt sei schließlich Teamarbeit. Also Arbeitshandschuhe überstreifen, den schweren Korb aus dem Anhänger ziehen und den zusammengerollten Ballon auf der hügeligen Wiese ausbreiten, ehe er mit zwei großen Ventilatoren mit heißer Luft gefüllt wird. Mit einem weiteren Passagier habe ich die Ehre, den Ballon aufzuhalten, damit die Luft hineingeblasen werden kann. Eine Schutzbrille wäre an dieser Stelle brauchbar gewesen. Die beiden Ventilatoren pusten uns trockenes Heu in die Augen. Nach wenigen Minuten ist der Ballon so prall gefüllt, dass wir ihn nicht mehr aufhalten müssen. Der Korb, der zuvor auf der Seite lag, wird aufgerichtet. Es kann losgehen.

Noch vor dem schweißtreibenden Aufbau wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt - Ballon eins und Ballon zwei. Ich erwischte Ballon zwei - das brandneue Exemplar der Düsseldorfer Stadtwerke, dem an diesem Abend seine Jungfernfahrt bevorsteht.

Als wir einige hundert Meter über dem Boden schweben, komme ich mit Andreas ins Gespräch. Unserem Ballonfahrer. Unserem Mann unter der Gasflamme. Unserer Lebensversicherung in dieser Stunde. Andreas (erste Regel: im Heißluftballon duzt man sich) erzählt, dass er bereits mehr als 500 Ballonfahrten hinter sich hat. Zu einem Unfall oder kritischen Zwischenfällen sei es bislang nicht gekommen. Beruhigend. Leben kann er von der Ballonfahrt nicht - hauptberuflich ist er Logistik- und Einkaufsleiter.

Mit 15 Kilometern pro Stunde schweben wir Hunderte Meter über dem Boden, wir knacken die 1000-Meter-Grenze, die 1500-Meter-Grenze - irgendwann ist die Höhe völlig egal. Nachdem ich mich an die Perspektive gewöhnt habe, ist nur noch Genießen angesagt. Unter uns liegt Tönisvorst. Nicht nur die Optik ist beeindruckend, sondern auch die Akustik. Die meisten Fortbewegungsmittel werden untermalt von lauten Motorengeräuschen, mit dem Ballon schwebt man nahezu geräuschlos durch die Luft.

Trotz der Hitze könnte das Wetter für eine Ballonfahrt kaum besser sein. Nicht zu windig, nicht zu windstill. Der Sonnenuntergang ist perfekt, fast schon kitschig. An einer romantischen Ader kommt man als Ballonfahrer wohl nicht vorbei. Gleich zwei Dinge erinnern mich an meine Kindheit. Zum einen denke ich an die Pippi-Langstrumpf-Episode, in der sie ihre Heimatstadt gemeinsam mit Tommi und Annika aus einem Heißluftballon heraus erkundet. Zum anderen erinnert mich die Vogel-Perspektive an meinen alten Straßen-Spielteppich.

Nach einer guten Stunde in der Luft sinken wir. Je näher wir dem Erdboden kommen, desto lauter werden die "Huhu"-Rufe von Menschen, die uns von unten zuwinken. Wir winken und rufen fleißig zurück. Ob sie uns verstehen, erfahren wir nicht. Die Landung ist überraschend sanft. Andreas hat sich seinen Applaus verdient.

Plötzlich stehen wir auf irgendeinem Feld, irgendwo in Kempen. Kauende Kühe schauen sich das unbekannte Flugobjekt interessiert an. Wie wir auf dem Feld, so landen die Mücken auf unseren Armen. Wir freuen uns über das kalte Wasser, das uns Matthias reicht. Er ist uns mit einem Transporter gefolgt, um uns zurück zum Startpunkt zu fahren. Wir müssen uns beeilen, denn es wird dunkel. Wir lassen die Luft aus dem Ballon, rollen ihn zu einer langen Schlange zusammen, die jede Anakonda in den Schatten stellen würde, und dann geht es über zum gemütlichen Teil: der Taufe. Es gibt Sekt und wir erhalten den nach einer Ballonfahrt üblichen Adelstitel. Fortan heiße ich: Herzog Simon, furchtloser Luftritter, das Himmelszelt erkundend über Willich, Tönisvorst zur Landung in Kempen.

Quelle: NGZ
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