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Neuss
"Es gibt keine weichen Drogen"

Neuss. Morgen ist weltweiter Anti-Drogen-Tag, für Stephan Engel ist die Warnung vor den Folgen des Drogenmissbrauchs Tagesgeschäft. Der Polizist war Fahnder und geht mit diesem Wissen nun in die Schulen, um die Jugend aufzuklären. Von Christoph Kleinau

Die gute Nachricht vorweg: Es gibt aus Sicht der Polizei keine offene Drogenszene in Neuss, keine Dealer, die an Schulen Jugendliche "anfixen", und auch die synthetische Droge "Crystal Meth" wurde in der Stadt nur sehr vereinzelt sichergestellt. Trotzdem zeigen 1700 Rauschgift-Delikte, die im vergangenen Jahr kreisweit aktenkundig wurden, dass es ein Drogenproblem gibt. Und weil dabei 140 Tatverdächtige auffielen, die zwischen 14 und 18 Jahre alt sind, schickt die Polizei Stephan Engel an die "Aufklärungs-Front" und vor allem in die Schulen. Einen Kriminal-Oberkommissar mit einem Talent für Hammer-Sätze: "Cannabis wird oft bagatellisiert. Es gibt keine weichen Drogen."

Engel ist ein Kripo-Mann mit Erfahrung auch aus der Fahndungsarbeit. Innerlich muss er deshalb manchmal grinsen, wenn Schüler beim Unterrichtsbesuch besonders oberschlau sein wollen. "Die kommen immer als erstes mit der Ausnahme zur Regel", stellt er etwa fest, wenn ihm unter diese Nase gerieben wird, dass Cannabis ja auch medizinisch eingesetzt werden kann. Oder wenn keck behauptet wird, der Tabakgenuss durch eine Wasserpfeife sei weniger schädlich als bei einer Zigarette. Genau andersherum sei es, sagt Engel. Aber er weiß auch, wie die Jugendlichen zu ihrer - falschen - Überzeugung kommen: "Die informieren sich in der Konsumentenszene und nicht bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung."

Seit neun Monaten ist Engel in der Präventionsarbeit. Die wird nicht nur in seiner Behörde anerkannt, nein, indirekt genießt Engel sogar die Rückendeckung der Vereinten Nationen. Die führten 1987 den Anti-Drogen-Tag ein, der seitdem - immer am 26. Juni - auf Drogenmissbrauch und seine Folgen hinweist. Davon kann Engel als ehemaliger Fahnder sehr anschaulich aus der Praxis berichten - "und dann wird es immer mucksmäuschenstill im Saal", sagt er. Dass seine Berichte manchmal etwas krass ausfallen, kann er gut begründen: "Ich will die jungen Leute zum Nachdenken bringen."

Mit dem gleichen Ansatz geht er auch in die Elternabende. Dort schneidet er Themen an, die er vor den Jugendlichen verschweigt, um sie nicht auf dumme Gedanken zu bringen. "Doping in der Schule", zum Beispiel, also den Missbrauch von Schlaf- ebenso wie Aufputschmitteln zur "Prüfungsvorbereitung". Oder die oft als Badezusätze verkauften "Legal Highs". Vor allem aber will er die Eltern dazu bringen, über ihre Verantwortung, aber auch ihren Einfluss auf ihr Kind nachzudenken. "Eltern hätten gerne eine Generallösung: Was muss ich tun, damit mein Kind keine Drogen nimmt", sagt Engel. Aber diese Lösung hat er nicht.

Engel unterscheidet nicht zwischen legalen und illegalen Drogen. "Zigaretten haben das gleiche Abhängigkeitspotential wie Heroin", sagt er überzeugt und geht sogar soweit, auch die schwer in Mode gekommenen E-Zigaretten dabei nicht auszuklammern. "Sie bereiten auf den Zigaretten-Konsum vor", sagt er. Und die Statistik gibt dem Kriminalisten Recht: Wer Cannabis konsumiert, hat davor fast immer zu Glimmstängeln gegriffen. "Es geht um das Ritual."

In der Praxis haben es die Drogenexperten der Polizei in zwei von drei Fällen mit Cannabis oder der synthetischen Droge Ecstasy zu tun. Beides Substanzen, vor deren Folgen Engel nur warnen kann. "Cannabis wird bagatellisiert", sagt er, dabei kann der Genuss extreme Folgen haben: Es kann - bei entsprechender genetischer Veranlagung - Auslöser für Psychosen sein, zu depressiven Verstimmungen ebenso wie zu Wahnvorstellungen führen. Auch Ecstasy mit seiner aufputschenden Wirkung kann dauerhafte Schäden anrichten. "Aber die Jugend denkt nie langfristig", sagt Engel. Also übernimmt er den Part. "Es gibt keinen gefahrlosen Umgang mit Drogen", ist dabei seine Kernbotschaft.

Überreden will Engel die Jugendlichen nie, überzeugen kann er sie oft - und sei es nur, indem er seinen Joker ausspielt: "Wer einen Job sucht oder den Führerschein machen will, hat es schwer, wenn vorher Drogen im Leben eine Rolle spielen oder gespielt haben."

Quelle: NGZ
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