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Neuss
Klösterliche "Stille" am Rande der A46

Neuss: Klösterliche "Stille" am Rande der A46
Die Betonmauer schützt Kloster Kreitz nicht wirklich von dem Autobahnlärm, sagt die Priorin, Schwester Bernharda Wichmann. FOTO: L. Berns
Neuss. Von klösterlicher Stille kann bei den Benediktinerinnen im Kloster Kreitz nicht die Rede sein. Aber ihre Priorin ist über den Standort direkt an der A46 nicht unglücklich. Sie hat eine etwas andere Sicht auf den "Tag gegen Lärm". Von Christoph Kleinau

In den Garten von Kloster Kreitz verirren sich nur selten Spaziergänger. Denn den Lärm, der von der Autoahn 46 herüberschwappt, kann auch beim besten Willen niemand für Blätterrauschen halten. Trotzdem ist Schwester Bernharda Wichmann mit dem Standort nicht unglücklich. Die Kirche, die vor 20 Jahren ihre Apsis verlor, damit auf dem engen Streifen zwischen Autobahn und Kloster überhaupt eine hohe Betonwand errichtet werden konnte, sendet nach Überzeugung der Priorin auch am heutigen "Tag gegen Lärms" eine stumme Botschaft an die Reisenden aus: "Es gibt noch etwas anderes als Euer Rennen und Rasen." So fasst die Benediktinerin diese zusammen.

Lärm ist an vielen Stellen in Neuss ein nicht zu überhörendes Problem geworden. Ihn drücken imposante Zahlen aus: jährlich 110 000 Flugbewegungen am Flughafen Düsseldorf, 75 000 Zugdurchfahrten allein auf der Strecke Köln-Kranenburg, 13 Autobahnen und Fernstraßen, auf denen im Jahr mehr als sechs Millionen Autos und Lastwagen gezählt werden, 16 000 am Tag. Eine nicht tatenlos hinzunehmende Belastung, so dass die Stadt schon 2011 einen Lärmschutzaktionsplan entwickeln musste. Eine EU-Richtlinie zum Umgebungslärm verlangte angesichts dieser Verkehrsströme danach. Und eine Erhebung und Lärmkartierung, die das Landesamt für Umweltschutz vorgenommen hatte, unterstrich den Bedarf.

Das Kloster an der Autobahn profitierte nicht davon. Flüsterasphalt, wie er auf der A 57 bei Norf verbaut wurde, erhielt die A 46 zwischen dem Dreieck Neuss-West und der Anschlussstelle Holzheim nicht. Die Lärmschutzwand bringe nichts, sagt Schwester Bernharda, die längst nicht mehr mit offenem Fenster schläft, und der die wenigen Spaziergänger im Park leid tun. "Wer möchte sich schon schreiend unterhalten?", fragt sie. Aber als Autofahrerin und Autobahnbenutzerin weiß sie auch um die Vorteile einer Autobahn - und hat sich arrangiert. "Man kann lernen, wegzuhören", sagt sie.

Die Autobahn verläuft heute auf der Trasse, die in den 1890er Jahren noch eine idyllische Lindenallee war. Das gab für den damaligen Kölner Erzbischof den Ausschlag, den Benediktinerinnen diesen Platz zuzuweisen. "Weil er nicht so abgelegen war", wie Schwester Bernharda aus der Chronik des Klosters weiß, das 1898 gebaut und 1899 bezogen wurde. Inzwischen hat der Lärm das Kloster eingeholt. Viel Idylle blieb nicht übrig.

Für die Benediktinerinnen ist Lärm aber auch eine Einstellungssache. Wer immer Geräusche um sich herum brauche, sei mit sich selbst nicht im Reinen, sagt Schwester Bernharda. "Viele halten die Stille nicht aus", sagt sie - ihr geht es anders. "Wenn ich in meiner Seele Ruhe habe, dringt der Lärm zwar in mein Ohr aber nicht in mein Herz."

Unter allen Geräuschen von der Autobahn hört sie vor allem auf die die Sirenen der Rettungswagen. Die, so schien es ihr, wurden oft genau am Kloster eingeschaltet. Irgendwann sagte sie sie sich, "Nimm das als Info", - und schickt den Rettungswagen seitdem ihren Segen hinterher.

Quelle: NGZ
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