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Interview mit Professor Christian Femerling
"Logistiker brauchen noch mehr Fläche"

Interview mit Professor Christian Femerling : "Logistiker brauchen noch mehr Fläche"
Christian Femerling im Neusser Hafen, einem der bedeutendsten Logistik-Drehkreuze der Region. Vor kurzem ist der Logistik-Experte an der Hochschule Neuss zum Professor berufen worden. FOTO: linda hammer
Rhein-Kreis Neuss. Mitte April findet wieder der "Tag der Logistik" statt. Die Neusser Hochschulen sind ebenso wie viele Firmen mit dabei. Ein Gespräch über den Logistikstandort mit dem neu berufenen Professor Christian Femerling von der Hochschule Neuss.

Herr Professor Femerling, an der Hochschule Neuss sind Sie Experte für Logistik – das passt zum Standort.

Christian Femerling Ja, wir befinden uns in einer logistisch hochattraktiven Region, die historisch gewachsen ist. Die Rheinnähe, die gute Infrastruktur und die Nähe zu den Seehäfen fördern diese Entwicklung. Hinzu kommt das enorme Absatzpotenzial: Immerhin leben im Umkreis von 50 Kilometern mehr als acht Millionen Menschen, die logistisch versorgt werden wollen. Da ist es logisch, dass sich der Rhein-Kreis auch zum Hochschulstandort entwickelt – denn die Logistik braucht Fachkräfte.

Fiege, 3M-Distributionszentrum, MAN: Die größten Neuansiedlungen der letzten Zeit kommen aus der Logistik. Warum boomt dieser Wirtschaftszweig so?

Femerling Die Logistik hat in Unternehmen immer schon eine große Rolle gespielt, denn die Produkte müssen ja beim Kunden ankommen. Was sich verändert hat, ist, dass viele Firmen ihre Logistik auslagern, also "outsourcen". Externe Logistik-Dienstleister übernehmen die gesamte Abwicklung der Lieferkette, vom Lagern, Verpacken bis zur Retoure – dieses Dienstleistungsgeschäft ist der Wachstumsmotor der Logistik-Branche.

Vorgeworfen wird den Firmen allerdings, dass sie große Flächen beanspruchen, aber nur wenige Arbeitsplätze schaffen.

Femerling Das liegt in der Natur der Sache. Logistiker stellen normalerweise nichts her. Was sie liefern, ist bereits woanders produziert worden. Daher werden in Lager und Versand auch eher gering qualifizierte Kräfte eingestellt – ein weiterer Vorwurf, der den Logistikern gemacht wird. Fakt ist aber auch, dass in der Industrie kaum neue Arbeitsplätze geschaffen werden, weil die meisten Märkte gesättigt sind. Daher ist es trotz dieser Kritikpunkte für eine Region wichtig, Logistikern Flächen anzubieten. Denn diese Firmen haben, anders als Industriebetriebe, Wachstumspotenzial. Dies gilt umso mehr, als dass durch das genannte Outsourcing der Logistik zu einem Bedarf an neuen Logistik-Immobilien kommt, die den Anforderungen der Dienstleister entsprechen müssen.

Ihre Expertise sind diese Logistik-Immobilien. Wohin geht der Trend?

Femerling Tatsächlich ist es so, dass der Flächenbedarf der Unternehmen weiter steigt. Bestehende Logistik-Immobilien werden zunehmend durch Neubauten ersetzt. Dabei geht der Trend zu großen Logistik-Standorten, Mega-Centern und Logistikparks, für die oft bis zu 70 Hektar Fläche benötigt werden. Betrieben werden diese Standorte von Logistik-Dienstleistungsunternehmen, die für viele Auftraggeber tätig sind und die Waren ganzer Branchen und für ganze Regionen aus einem Standort heraus abwickeln.

Aber Gewerbeflächen gibt es nicht unendlich viele ...

Femerling Die Herausforderung liegt bei den Wirtschaftsförderern der Städte, Kreise und Gemeinden: Sie müssen bestehende Flächen neu organisieren, etwa kleineren Unternehmen Alternativen bieten, um neue, zusammenhängende Flächen zu schaffen. Zudem gibt es Brachflächen, die aufgrund vorheriger industrieller Nutzung nicht mehr genutzt werden. Da wird angesichts der Platzknappheit künftig viel mehr investiert werden – Beispiel dafür ist die Reaktivierung des Gewerbegebiets Silbersee an der Grenze von Neuss und Dormagen. Jahrelang lag die Fläche brach. Jetzt treibt RWE die Erschließung voran, weil die Fläche dringend benötigt wird.

Sind Logistik-Immobilien auch als Anlage-Objekt interessant?

Femerling Das ist ein Trend, der sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Institutionelle Anleger wie Versicherer und Pensionsfonds suchen verstärkt nach sicheren Anlagemöglichkeiten. Da kommen Logistik-Immobilien ins Spiel. Sie haben zwar kaum Aussicht auf Wertsteigerung wie andere Immobilien, dafür weisen sie meist stabile "Cash Flows" über die Mieteinnahmen und geringes Leerstandsrisiko auf.

Sie lehren im Studiengang "Logistikmanagement". Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Femerling Wichtig ist, nicht nur von der Kosten- und Ertragsseite her zu denken. Zum verantwortungsvollen Arbeiten in Unternehmen gehört auch, nachhaltig und sozial zu agieren. Außerdem möchte ich den Studenten vermitteln, dass hinter jedem Prozess Menschen stehen, selbst wenn wir in einer hoch technisierten Welt leben. Deswegen ist es wichtig, schon im Studium soziale Kompetenz zu entwickeln, um später im Berufsleben verantwortungsvoll agieren zu können.

HANNA KOCH FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(NGZ/rl)
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