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Neuss
Taucher unterm Eis

Neuss: Taucher unterm Eis
Helikopter im Anflug. Ein Boot hilft, Kontakt zu halten. Zehn Tage lang campierten die Forscher auf einer Eisscholle. Ulrich Freier berichtet Freitag im "Humboldt" von seinen Reisen. Das Forschungsschiff "Polarstern" an der Eisrandzone der Antarktis. Erfahrung mit Tauchgängen im arktischen Winter haben weltweit nur wenige Taucher. Acht von ihnen waren auf der "Polarstern" zusammen. FOTO: Freier
Neuss. Unheimlich groß, saukalt, staubtrocken und fast menschenleer: Die Antarktis ist ein unwirtlicher Ort - für den Neusser Ulrich Freier aber ein (Tauch)-Paradies. Von Christoph Kleinau

Der antarktische Krill ist für den Meeresbiologen Ulrich Freier (53) nach dem Menschen die zweiterfolgreichste Bioform des Planeten. Aber er macht es Forschern nicht leicht. Zu klein, um mit Netzen gefischt, und zu zerbrechlich, um von Tauchrobotern für Experimente unbeschadet gefangen zu werden, muss sich jeder überwinden, der diesem wirbellosen Kleinstkrebs näherkommen will. So ging es auch dem Neusser Freier, als er in das metertiefe schwarze Loch in der Eisscholle schaute, das für seine Tauchgänge mit einem Friedhofsbagger freigehackt worden war. Ein Sprung in Kälte und Dunkelheit war gefordert, ein Sprung unter das Eis.

Zehn Tage lang campierten die Forscher auf einer Eisscholle. FOTO: Freier

Doch Wagemut wird belohnt. "Man taucht wie in einer gotischen Kathedrale", berichtet Freier, der sich nach dem Sprung in einer bizarren Eiswelt wiederfand, in der es grün und blau schimmerte. In diesem kristallklaren Wasser, das der Blick des Tauchers gut 100 Meter weit durchdringen kann, spüre er immer etwas von der Erhabenheit der Natur, sagt Freier. Auch davon will er berichten, wenn er am Freitag, 4. November, ab 18 Uhr als Gast in seiner alten Penne spricht.

1982 verließ Freier mit dem Abitur in der Tasche das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium. Mit Bildern von Meeresforschern wie Hans Hass und Jacques Cousteau im Kopf wollte er Biologie studieren, um irgendwann in der Antarktis unterwegs sein zu können - und dort auch zu tauchen. Vier Expeditionen in diesen entlegenen Teil liegen hinter ihm, drei Mal davon war er mit dem Eisbrecher "Polarstern" im Auftrag des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven unterwegs. Eine weitere Fahrt ans südliche Ende der Welt plant er mit Kollegen einer amerikanischen Universität in 2018.

Helikopter im Anflug. Ein Boot hilft, Kontakt zu halten. Helikopter im Anflug. Ein Boot hilft, Kontakt zu halten. FOTO: Freier

Die Jahre zwischen solchen Reisen sind angefüllt mit Aufarbeitung und Veröffentlichung der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse - und mit Vorträgen. Für seinen Besuch im Humboldt-Gymnasium, das ihn aus Anlass des 50-jährigen Schulbestehens eingeladen hat, bei einem Ehemaligentreffen zu sprechen, hat sich der noch immer in Holzheim lebende Forscher etwas Besonderes vorgenommen. "Ich will jungen Leuten eine Leuchtturm-Orientierung geben und ihnen Ansätze eines Berufslebens aufzeigen", sagt Freier, der sich den Besuch vieler Schüler wünscht, die er "erreichen will, bevor sie eine Studienentscheidung treffen". In seiner Schulzeit sei in dieser Hinsicht viel zu wenig geschehen.

Seinen Weg hat Freier trotzdem gemacht, auch wenn der nicht schnurgerade verlief. Nach Zivildienst, Studium und Promotion im Jahr 1995 folgten erst einmal Jahre als Geschäftsführer eines Düsseldorfer Handwerksbetriebes. In diese Zeit fiel aber auch Freiers erste Antarktis-Expedition. Heute hat Freier ein eigenes Unternehmen. Er forscht selbst und hat dazu zum Beispiel eine eigene Zooplankton-Pumpe entwickelt, mit der der Krill unverletzt eingefangen werden kann - wenn man sich ihm erst einmal tauchend bis auf wenige Zentimeter genähert hat. Weil Freier aber zu den wenigen Menschen weltweit gehört, die Taucherfahrung in der Antarktis haben, leitet er als Forschungstaucher auch Einsätze im Dienst anderer Auftraggeber.

FOTO: Freier

Die meisten Polarforscher sind in der Antarktis unterwegs, wenn dort Sommer ist und die Forschungsschiffe am Eisrand manövrieren können. Freier selbst aber hat eine Forschungslücke aufgetan, die zu schließen noch mehr Überwindung verlangt. Er reist im Winter an den Pol, wenn es nur kurze Zeit am Tag hell ist und selbst das freie Wasser unter dem Eis Minusgrade hat. Was ihn treibt? Die Frage, wie der Krill und seine Larven das überleben.

Quelle: NGZ
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