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Neuss
Whitesell schließt zum Jahresende endgültig

Neuss: Whitesell schließt zum Jahresende endgültig
Betriebsratssprecher Karlheinz Salzburg muss sich geschlagen geben. Das Werk schließt. Ein Video mit Reaktionen: www.ngz-online.de FOTO: woi
Neuss. Insolvenzverwalter kündigt den letzten Mitarbeitern. Die meisten sind ab sofort freigestellt, einen Sozialplan wird es nicht geben. Von Christoph Kleinau

Josef Cloeren verließ das Werk mit Tränen in den Augen. 38 Jahre lang, seit seiner Lehrzeit, war die Schraubenfabrik Teil seines Lebens. Gestern wurde ihm und seinen noch verbliebenen 108 Kollegen vom Insolvenzverwalter eröffnet, dass seine Firma nun schließt. Endgültig. Damit endet in Neuss nach 139 Jahren ein Kapitel Industrie- und Firmengeschichte, das 1876 begann, als Georg Bauer und Christian Schaurte die "Rheinische Schrauben- und Mutternfabrik" gründeten.

Das Ende hatte sich abgezeichnet, seit der US-Konzern Whitesell, der Anfang 2014 die vier deutschen Werke des Automobilzulieferers Ruia aus einer Insolvenz übernommen hatte, nur ein halbes Jahr später die Schließung des Standortes Neuss ankündigte. Dazu kam es nicht. Statt dessen führte auch er die Gruppe Anfang 2015 in die Insolvenz und verlängerte damit die emotionale Berg- und Talfahrt für die Belegschaft. Die schöpfte zwischendurch immer wieder Hoffnung, doch die Nackenschläge überwogen. Zum 1. April verloren 150 Beschäftigte ihren Job, und in dem Werk, das in seinen besten Zeiten 2500 Beschäftigte hatte, standen nur noch knapp über 100 auf der Gehaltsliste. Letzte Enttäuschung: Im August fand sich ein Käufer für zwei der vier Werke - und Neuss kam auf die "Resterampe".

Betriebsratssprecher Karlheinz Salzburg muss sich geschlagen geben. Das Werk schließt. Ein Video mit Reaktionen: www.ngz-online.de FOTO: woi

Das gestern verkündete Ende kommt nun völlig abrupt. Die Belegschaft erhält bis Ende September die Kündigung, wird aber sofort freigestellt. Nur knapp 30 Mitarbeiter werden für sechs bis acht Wochen gebraucht, um die Restaufträge abarbeiten. Ende des Jahres ist dann ganz Feierabend. "Brutal", nennt das Nihat Öztürk von der IG Metall.

Besonders unerträglich finden er und der Betriebsratsvorsitzende Karlheinz Salzburg aber, dass sich der Insolvenzverwalter weigert, einen Sozialplan aufzustellen. Er habe kein Geld, um Abfindungen zu zahlen, habe er gestern betont. Und selbst die Mitarbeiter der ersten Entlassungswelle, die mit ihrer Kündigungsschutzklage Erfolg hatten, können auf die angebotene Abfindung nun lange warten. Die wurde ihnen nur in Aussicht gestellt, um etwaige Investoren nicht mit offenen Gerichtsverfahren zu verschrecken. Weil es keinen Käufer gibt, ist das nicht nötig - und das gesparte Geld bleibt Teil der Insolvenzmasse.

Angesichts dieser Aussichten ging es bei der gestrigen Informationsveranstaltung hoch her. Und das flaue Gefühl, das viele schon Mittwoch beschlichen hatte, als per Aushang zur Versammlung eingeladen wurde, schlug in Zorn um - und Trauer. "Unglaublich, was hier passiert", sagt Oliver Buhn, der nach 15 Jahren in der Konstruktionsabteilung nächste Woche zum Arbeitsamt gehen muss. "Wir werden geopfert, damit die anderen drei Standorte verkauft werden können." Und Josef Cloeren rief barsch, dass er nicht zu denen gehört, die man für die Restaufträge ansprechen darf: "Für diese Leichenfledderer rühre ich keinen Finger." Salzburg hat noch andere Sorgen: "Ich hoffe, dass es wenigstens für unsere Auszubildenden eine Lösung gibt."

Quelle: NGZ
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