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Ratingen
Westhäkchen-Premiere mit Hindernissen

Ratingen: Westhäkchen-Premiere mit Hindernissen
Für "Süße Früchtchen" schlüpften die Westhäkchen auch mal in putzige Plüschkostüme. Der Text dazu wurde von Alexander Seidl vorgetragen. FOTO: achim blazy
Ratingen. Vorlesen statt Spielen? Dadurch ging bei den ansonsten sicheren Schüler-Kabarettisten leider manche Pointe verloren. Von Wolfgang Schneider

West Die Westhäkchen sind nicht bloß die Kabarettgruppe des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums (DBG), sie sind auch ein bisschen so etwas wie eine Familie, auf die man sich jedes Jahr wieder freut, wenn man sie sieht. Wo man bisweilen verzückt ausrufen möchte: "Ist der süß". Oder auch mal: "Nein, sind die Kinder groß geworden". Eben so die typischen Sätze, wenn man jemanden gerne hat und sieht, dass der Mensch, den man lange nicht mehr gesehen hat, eine besondere Entwicklung genommen hat. Und das haben die Jugendlichen definitiv.

Mit ihrem neuen Programm "X", das gestern und vorgestern für ein ausverkauftes Freizeithaus in West sorgte und auch heute Abend wieder ein volles Haus garantiert, zeigten sie sich wie schon 2015 äußerst kritisch, politisch und nicht mehr so klamauklastig wie noch in den Jahren zuvor. Die zehn Jugendlichen lieferten ein tolles zweistündiges Programm ab, in dem der Besucher manchmal am eigenen Lachen zu ersticken drohte. So zum Beispiel bei der mit einer detailgetreuen Bühnendeko dargebotenen Youtube-Persiflage, als Svenja Kupschus und Neu-Westhäkchen Katharina Meschig Tipps für den neuesten Modetrend gaben - den Flüchtlings-Look. Das war böse, bissig und vor allem brillant.

Oder aber die Umsetzung der Fabel "Die Kaninchen, die an allem Schuld waren" des Briten James Thurber: Der hatte die eigentlich geschrieben, um die Vernichtung der Juden durch die Nazis darzustellen, aber aufgrund aktueller Ereignisse in diesem Land gewinnt sie plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Überhaupt war das Thema Flüchtlinge bei den Westhäkchen omnipräsent. Da waren die zwei Ostfriesen, die vor dem Deichbruch in die Berge zum Seehofer - und nicht zu Seeufer - flohen oder das zu "Wish you were here" live gemalte bedrückende Sandbild von Lisa Talberg-Zukova und Svenja Kupschus. Letztere, sonst eher das zerbrechliche Wesen auf der Bühne, hat übrigens eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht: Sie zeigte eine bei ihr so nicht bekannte physische Präsenz und Kraft.

Doch so gut die teilweise selbst geschriebenen Nummern auch waren, manche zündeten (noch) nicht so, wie man es eigentlich von den Westhäkchen gewohnt ist. Vielleicht lag es daran, dass es diesmal einfach den Spickzettel mit dem Text auf der Bühne gab und das Spielen der Nummer eher ein Vorlesen war. Das war bei der Truppe, die in diesem Jahr übrigens mit dem "Trumpeltier" den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, Donald Trump, herrlich entlarvte, im vergangenen Jahr wesentlich besser gewesen. Sicher, die Schüler haben viel Stress, schreiben Klausuren, aber auf einer Bühne müssen sie sich dem Anspruch stellen, zumindest den größten Teil der Texte zu beherrschen. Und wenn nicht, gibt es sicherlich bessere Alternativen als einen plump versteckten Spickzettel. Dadurch ging so manche Pointe ebenso verloren wie durch Missverständnisse mit der Technik. Das muss (und wird) für die kommenden Auftritte besser werden.

Schön war die Tatsache, dass die Westhäkchen-Familie Nachwuchs bekommen hat, der sich nahtlos in das Ensemble einfügte. Sara Michels, Jennifer Traummann, Katharina Meschig, Linus Richter und Ruben Sean Alpmann spielten sich schnell in die Herzen der Zuschauer.

Und mit ihnen muss Regisseur Heiner van Schwamen auch nicht Angst und Bange sein, wenn zum Ende des Schuljahrs ein Großteil des Ensembles die "Familie" nach dem Abitur verlässt.

Quelle: RP
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