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Remscheid
Die verlorenen Jahre

Remscheid. Dennis hat Drogen genommen, bis von ihm fast nichts übrig war. Ein Blick in die versteckte Drogenszene von Remscheid. Von Verena Kensbock

Was zuerst da war - die Freunde oder die Drogen - weiß Dennis* nicht mehr. Beides ging wohl Hand in Hand. Aber auch wenn er gewusst hätte, welche Wirkung die Drogen haben, hätte er es nicht gelassen, sagt er. Es hätte ihn sogar gereizt.

Dennis ist 15, als er das erste Mal Ecstasy nimmt. Er hat sich gerade von seiner Freundin getrennt. Wochenlang hatte der Remscheider keinen Kontakt zu seinen Kumpels. Blind vor Liebe. An diesem Abend ruft ihn ein alter Kollege an. "Willst du vorbeikommen?" Als er die Wohnung betritt, merkt er sofort, dass etwas nicht stimmt. Alle sind drauf. "Komm, ich zeig dir was." Der Kollege zieht ihn in die Küche. Auf der Arbeitsplatte liegt eine kleine Pille. "Ich hab schon was genommen, probier mal." Sie teilen sich die Pille. Dennis wird warm, er schwitzt, seine Pupillen wackeln, er wird zappelig - ein Energieschub.

"Es wird nie wieder wie beim ersten Mal", sagt er heute. Er sitzt im Büro von Alfred Lindenbaum, bei der Suchtberatung. Ein sportlicher, junger Mann, die Haare an den Seiten rasiert, weiße Daunenjacke. Heute sagt der 21-Jährige solche Sätze mit Sicherheit. Damals war ihm das nicht klar. Fünf Jahre lang jagt er dem Gefühl nach. Jeden Tag wirft er Tabletten ein, monatelang ohne Pause. Der erste Tag ohne Ecstasy trifft ihn wie ein Schlag. Er ist gelähmt, bringt kaum ein Wort heraus. Der Kollege sagt: "Ich weiß, was mit dir los ist. Du nimmst mehr als alle anderen." An Aufhören ist trotzdem nicht zu denken. Bis auf eine Pause von drei Monaten nimmt er so gut wie jeden Tag chemische Drogen. Bald steigt er um auf Pep, das ist günstiger und ihm gefällt die Wirkung. Immer wach, immer Energie. Einmal macht er 15 Tage am Stück durch. Am Anfang sind die Drogen noch Party, schnell werden sie Alltag.

"Das Problem mit chemischen Drogen ist, dass man nie weiß, was drin ist", sagt Alfred Lindenbaum von der Diakonie. Die Zusammensetzung sei immer anders, die Wirkung auch. In Remscheid sei der Konsum der chemischen Drogen in den vergangenen zwei Jahren explodiert. Das habe drei Gründe: "Chemische Drogen sind einfach zu beschaffen, günstig und die Konsumenten sind risikobereiter." Eine öffentliche Drogenszene gebe es aber nicht. "Das spielt sich alles hinter verschlossenen Türen ab."

Auch Dennis ist immer in der Wohnung seines Kollegen. Der bekommt das Zeug besonders günstig. Für 50 Cent pro Gramm. Er verkauft es weiter für zehn Euro. Dennis darf sich umsonst bedienen. Immer liegt eine fertig gebaute Line auf dem Tisch, jede halbe Stunde nimmt er eine Nase. Doch seine scheinbare Grenzenlosigkeit hat ihre Grenzen: Heroin, Kokain, LSD und Pilze will er niemals probieren, davor hat er zu viel Angst. Doch auch das Pep hat eine verheerende Wirkung. Irgendwann wiegt Dennis nur noch 52 Kilo - er hat sich beinahe halbiert. Was ihn selbst wundert: Seine Eltern merken nichts. Er erzählt ihnen, er habe mit dem Kraftsport aufgehört, trinke keine Eiweiß-Shakes mehr. Er lässt nicht zu, dass sie ihn ohne T-Shirt sehen. Das scheint zu reichen.

Die Schule hat er früh geschmissen. Immer wieder versucht er, seinen Abschluss zu machen - vergeblich. Auch der Nebenjob im Getränkemarkt wird unmöglich. Dennis hat wahnhafte Vorstellungen, er sieht Dinge, die nicht passieren, Bewegungen und Sprache passen nicht zusammen. Als er merkt, dass die Wahnvorstellungen bleiben, auch wenn er keine Drogen genommen hat, bekommt er Angst. Er sucht Hilfe bei Alfred Lindenbaum von der Diakonie. Im Juni 2015 treffen sie sich zum ersten Mal. Ein halbes Jahr soll es dauern, bis er wirklich bereit ist aufzuhören. Das, sagt Lindenbaum, ist immer ein Abschied - von der Droge und von den Leuten. Einmal trifft Dennis seinen Kumpel auf der Straße und erzählt ihm, dass er aufhört. "Dann halt lieber Abstand zu mir", ist die Antwort. Er löscht die Nummern seiner alten Freunde. Auch seine Eltern erfahren von der Sucht. Sie weinen. Dennis verspricht ihnen durchzuhalten.

Das Versprechen hält er: Statt mit Drogen pusht er sich mit Sport, zwei Mal täglich geht er ins Fitnessstudio. Er hat einen Job gefunden mit Aussicht auf eine Ausbildung. Auch seinen Führerschein will er in wenigen Monaten fertig haben. "Ich bereue das alles. Ich könnte jetzt viel weiter sein." Zurück bleiben verlorene Jahre für den heute 21-Jährigen. Was ihm noch immer fehlt, ist das Zeitgefühl. "Ich kann nie einschätzen, ob etwas vor zwei oder fünf Monaten passiert ist." Aber das sei nicht so schlimm, sagt er und lacht, dafür habe er ja eine Uhr.

*Name von der Redaktion geändert.

Quelle: RP
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