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Remscheid
Zum Frühstück gibt es 13,7 Kilo Kraftfutter

Remscheid: Zum Frühstück gibt es 13,7 Kilo Kraftfutter
Ruckzuck ist der Napf geleert. Eigentlich frisst Siro, ein zehnjähriger Kangal, lieber ohne Zuschauer. Aber an diesem Morgen schauen Heike Bredtmann vom Tierheim (l.) und BM-Redakteurin Solveig Pudelski zu. FOTO: Michael Schütz
Remscheid. Wie sieht die Arbeitswelt anderer Menschen aus? BM-Redakteure schlüpfen für eine Stunde in eine andere Rolle. In der ersten Folge half Sólveig Pudelski bei der Fütterung von Hunden im Tierheim Remscheid. Von Solveig Pudelski

Der verführerische Duft des Futters dürfte den Hunden schon ins Näschen gestiegen sein. Sie bellen und bellen in allen Tonlagen. Springen gegen das Gitter ihrer Zwinger. Laufen aufgeregt hin und her. Niemand liegt mehr ruhig auf seinem gepolsterten Schlafplatz. In der Futterküche gegenüber der Zwinger des Hundehauses hat Heike Bredtmann, die im Tierheim Remscheid vornehmlich Hunde betreut, in einer großen Box das Trockenfutter in etwas Wasser eingeweicht. "Es darf nicht matschig werden, sollte bissfest sein", sagt sie, während sie die erste 800-Gramm Dose Nassfutter öffnet. Es ist 10 Uhr. Die Zeit der Futterzubereitung für zwei Dutzend Hunde, die bis 11 Uhr ihr "Frühstück" bekommen sollen. Dabei helfe ich heute mit.

Mit einer Gabel kratze ich den Inhalt der Dosen so heraus, dass der feste Klumpen in kleine Bröckchen zerfällt. Fünf, sechs große Dosen auf diese Weise zu leeren, ist handfeste Arbeit. Auf den Berg Futter, satte 13,7 Kilo, kommt noch ein Schuss Rapsöl und acht Töpfchen Hüttenkäse als Eiweißlieferant. Mit einer Schaufel vermenge ich alles. Das kostet Kraft. "Ins Fitness-Center muss ich nicht. Hier gibt's Bewegung genug", sagt die Tierpflegerin lachend. Damit meint sie nicht nur die Futterzubereitung. Einen Tag lang habe sie mal einen Schrittzähler eingeschaltet. Am Ende des Arbeitstages zeigte er 15 Kilometer an.

"Gut ist, wenn die Hunde immer das gleiche Trockenfutter bekommen, ansonsten können Durchfall und Erbrechen die Folge sein", sagt die Hundeexpertin. Sie zeigt auf die Packung, die bevorzugte Premiummarke aus dem Discounter. Das Tierheim freue sich über jede Futterspende, die zum Beispiel aus Spendenboxen von Drogeriemarkt-Filialen und von dem Discounter stammen. In einem großen Eimer türmen sich die gespendeten Kauknochen, in dem anderen Leckerchen aller Art. "Die Belohnung ist wichtig, wenn man mit den Hunden arbeitet", sagt die Tierheim-Mitarbeiterin.

Überlebenswichtig für das Tierheim seien jedoch Geldspenden. Weil insbesondere viele ältere Hunde hier ihr Zuhause haben, schlagen Tierarztkosten hoch zu Buche. Mit ins Futter kommen je nach Hund Medikamente. "Das Verteilen der Zugaben ist das, was am meisten aufhält, weil man genau darauf achten muss, wer was bekommt", sagt Heike Bredtmann.

Den Futterberg habe ich inzwischen gemischt. "Nicht zuviel vermengen." Bremst mich die Chefin im Hundehaus ab. Es soll noch appetitlich aussehen. Nun gilt es, den Futterberg portionsweise in die frisch gespülten Näpfe zu füllen. Seit kurzem hat das Tierheim eine Spülmaschine. Vorher war auch das Reinigen Handarbeit. An manchen Tagen kocht das Team auf dem Herd Futter. Sechs Tierpfleger arbeiten auf der Anlage an der Schwelmer Straße in Lennep. Wochenenddienste gehören zum Job dazu.

Zu einigen Hunden darf ich nicht in den Zwinger. Der freundlich wedelnde Golden Retriever könne bockig werden. Am Gitter hängt sein Maulkorb. Auch der kleine schwarze Mischling im Freilauf sei "nicht einfach". Siro hingegen, der die Ausmaße eines Kalbes hat, ist lammfromm. Der Kangal lebt schon gut ein Jahr im Tierheim. Eine Schönheit ist der kastrierte Rüde. Aber der zukünftige Besitzer sollte viel Platz haben, möglichst groß und kräftig sein. "Wenn der mal zieht...", meint Bredtmann und klopft dem Rüden auf die Schulter.

Ich stelle den Napf in seinem Außenzwinger ab. Durch eine Öffnung kann jeder Hund zwischen Innen- und Außenzwinger hin- und herpendeln. Nur nicht stören beim Fressen und Ruhe nach dem Fressen - lautet die Devise. Siro langt ordentlich zu. Binnen Sekunden sind die Brocken vertilgt. Zeit für ein paar Streicheleinheiten, die Siro sichtlich genießt. "Der ist ein Schmusebär", meint Heike Bredtmann. Sie kennt ihre Schützlinge. So manches traurige Schicksal der Tiere geht ihr sehr nahe. Das ist nicht zu übersehen. Angst habe sie nicht vor den Hunden, aber den nötigen Respekt.

Der Arbeitsablauf der Tierpfleger ist eng getaktet. Morgens beginnt er mit dem ersten Kontrollgang gegen 7.40 Uhr. Die ersten Hunde kommen in die drei Ausläufe. Einige ehrenamtliche Gassigeher holen ihren "Patenhund" ab. Fellpflege, Zwinger säubern, Hundedecken in die Waschmaschinen stopfen - Wäsche machen. Nach dem Toben draußen folgt die Fütterung. Und nach der Mittagspause beginnt schon die Vorbereitung für die zweite Fütterung. Nur eine Stunde Hilfe im Tierheim nötigt mir Respekt vor der Arbeit als Tierpflegerin ab. Der Dienst am Tier ist unverzichtbar, aber das Tierheim plagen finanzielle Sorgen. Zum Glück gibt es Spender und Helfer. Aber es könnten mehr sein.

Quelle: RP
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