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Studentin berichtet aus Paris
Zum ersten Mal der Gedanke: "Jetzt ist es vorbei"

Paris-Anschläge: Zum ersten Mal der Gedanke: "Jetzt ist es vorbei"
Die 23-jährige Miriam Heilen in Paris, im Hintergrund ist der Eiffel-Turm zu sehen. Sie ist froh, dass sie alles körperlich unbeschadet überstanden hat. FOTO: MH
Alpen/ Paris. Die 23 Jahre alte Miriam Heilen aus Bönninghardt studiert an der Sorbonne. Nach dem Länderspiel geriet sie in das Chaos der Terror-Nacht. Für unsere Redaktion hat sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben.  Von Miriam Heilen

Miriam Heilen aus Bönninghardt hat die Terroranschläge in Paris am 13. November hautnah miterlebt. Die 23-Jährige studiert in Münster Deutsch und Pädagogik auf Lehramt. Den Bachelor hat sie bereits in der Tasche, nun strebt sie den Master-Abschluss an. Seit September lebt Miriam Heilen, die früher als Messdienerin und Jubo-Mitglied in Bönninghardt aktiv war, in Paris. Dort studiert sie zwei Semester an der Sorbonne. Für unsere Redaktion hat Miriam Heilen die Erlebnisse der vergangenen Tage aufgeschrieben.

"Vor ein paar Monaten habe ich im E-Mail-Austausch mit einem ehemaligen Lokalreporter des Niederrheins zur Terrorismusdebatte betont, dass mir das in sozialen Netzwerken so gefeierte ,Je suis Charlie' nicht über die Lippen kommen mag. Hauptsächlich, weil ich mich viel zu wenig politisch engagiere, aber auch, weil sich solche Haltungen meiner Meinung nach vielfach gruppendynamisch und mehr oder weniger unreflektiert entwickeln. Jetzt bin ich gezwungen, ,Je suis (à) Paris' auszusprechen - ob ich möchte oder nicht.

Miriam Heilen blickt am Place de la Republique auf das magische Wort "Liberté" - Freiheit. Dieses Foto sei ihr wichtig für die persönliche Aufarbeitung, sagt sie.

Die Anschlagsserie vom letzten Freitag, dem klischeehaften 13., habe ich nicht wie meine Familie und viele meiner Freunde durch die Nachrichten auf der Couch in Deutschland miterlebt, sondern unmittelbar mit zwei weiteren Austauschstudentinnen im und am Stade de France. Geplant als unbeschwerter Fußballabend mit einer imaginären Deutschland- in der einen und einer Frankreichfahne in der anderen Hand, entpuppte sich jener Stadionbesuch als ein mich in vieler Hinsicht prägendes Erlebnis der ersten Male: Das erste Mal hautnahe Angst vor Massenpanik und Bombeneinschlag, das erste Mal Flucht vor bewaffneten Fremden, zum ersten Mal Versteckspiel ohne Spielcharakter, dafür aber mit einem neunjährigen, vor Angst zitternden, aber mucksmäuschenstillen Jungen im Arm, zum ersten Mal der Gedanke ,Jetzt ist es vorbei', der nicht mit einer öden Vorlesung oder dem unangenehmen Besuch beim Zahnarzt, sondern mit elementarer Todesangst verknüpft wird.

Daneben aber auch das erstmalige Erleben bedingungslosen Vertrauens in einen Fremden, das erste Mal Dankbarkeit für ,Jetzt ist es noch nicht vorbei' und ein unverletztes Nachhausekommen in Frankreichs Metropole.

So gedenkt die Region der Opfer in Paris FOTO: dpa, mjh wst

Paris. La ville lumière. Die Lichterstadt. Hier erloschen in dieser Nacht durch das willkürliche, terroristische Morden unschuldiger Menschen die Scheinwerfer der Metrobahnen und die Schimmer der Hoffnung vieler trauender Angehöriger. Erstickt werden konnten hingegen nicht das Licht der anteilnehmenden Kerzen, der leuchtenden Kinderaugen, die nach Stunden der Angst vor erneuten Angriffen ihre Mama wiedersehen und das Lampenlicht in Wohnungen, die in dieser Nacht wie selbstverständlich fremde Unglücksopfer aufnehmen.

Bei der frühmorgendlichen Ankunft in meinem Wohnkomplex im Westen von Paris wurde auch ich aufgenommen: Meine französische Nachbarin und Freundin empfing mich mit Tränen in den Augen vor meiner Tür. In unserer Umarmung lag mehr, als nur die Freude einander wiederzusehen. Unsere Umarmung versinnbildlichte kompromissloses solidarisches Miteinander. Eine Waffe, die schärfer schießt, als jede Kalaschnikow und heller strahlt als jede Explosion.

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Vive la liberté!

Quelle: RP
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