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Solingen
Im Laufschritt zur neuen Arbeitsstelle

Solingen: Im Laufschritt zur neuen Arbeitsstelle
Christian Bifolchi mit zwei Arbeitssuchenden aus seine Laufgruppe. Körperliche Fitness steht auf dem Programm, doch das Finden einer neuen Arbeitsstelle ist bei den Teilnehmern über 50 das Wichtigste. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Christian Bifolchi, Arbeitsvermittler beim Jobcenter, hat das außergewöhnliche Projekt "50plus läuft" initiiert Von Maxine Herder

Es sind verletzende, übergriffige Sprüche, die sich Ursula H. bei Vorstellungsgesprächen schon anhören musste: Leute wie sie, wurde ihr gesagt, würde man eigentlich nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch einladen, sagte ein Arbeitgeber. Man müsse bei ihr doch damit rechnen, dass sie direkt in Altersteilzeit gehen würde, erklärte ein anderer. Ursula H. ist 62 Jahre alt und seit vier Jahren auf der Suche nach einer neuen Stelle im kaufmännischen Bereich.

Aufgegeben hat sie noch lange nicht, im Gegenteil: Sie will beweisen, was sie leisten kann - und hat in einem neuen Angebot des Kommunalen Jobcenters die Gelegenheit dazu. Im Mai ist das von Christian Bifolchi initiierte Projekt "50plus läuft" gestartet, seitdem trifft sich der Arbeitsvermittler des Teams 50plus einmal in der Woche mit Arbeitslosen zum Laufen im Wald. Ursula H., die mit dem Laufsport vorher gar nichts zu tun hatte, ist mit viel Leidenschaft eingestiegen: Drei mal pro Woche läuft sie mittlerweile und merkt schon jetzt erste Veränderungen. "Ich bin insgesamt fitter, komme viel schneller die Treppen hoch", erzählt sie. Sie ist überzeugt, dass sie davon auch bei der Jobsuche profitieren kann: "Wenn es zu einem Vorstellungsgespräch kommt, sieht man, dass ich fit und leistungsfähig bin und nicht die invalide Person,für die man als älterer Bewerber häufig gehalten wird." Es geht bei dem Projekt um ganz viel: Um Gesundheit durch Ausdauertraining, positive Sport- und Gruppenerfahrung ohne Druck, darum, den eigenen Körper und die eigene Leistungsfähigkeit besser einschätzen zu lernen, sagt Arbeitsvermittler Christian Bifolchi. Er ist selbst seit 25 Jahren passionierter Läufer, schnürt alle zwei bis drei Tage die Laufschuhe - und war von Anfang an überzeugt, dass auch die Arbeitssuchenden im Projekt 50plus von der gesundheitsfördernden Wirkung des Laufens profitieren können.

"Es geht uns auch um einen ganzheitlichen Ansatz, darum, nicht nur Amt zu sein, sondern auch an anderer Stelle zu unterstützen." Die zehn bis zwölf Läufer, die immer dienstags zusammenkommen, nehmen völlig freiwillig und auf eigene Kosten teil. "Sie wollen etwas bewegen, sind absolut motiviert und höchst zuverlässig", so Bifolchi.

Verschiedene Studien, sagt Este Brugger, Sachgebietsleiterin im Arbeitgeberteam, belegten, dass Erkrankungen sowohl Ursache als auch Folge von Arbeitslosigkeit seien. "Gesundheitsvorsorge, Ernährung und Sport sind deshalb auch ein Teil unseres Angebots, der im Projekt 50plus ein bisschen mehr Beachtung findet." Die Luft für höherqualifizierte Ältere, sagt der 54-jährige Stefan L. werde immer dünner. Er sucht bereits seit mehreren Jahren einen neuen Job im Qualitätsmanagement - und wundert sich oft darüber, mit welcher Geschwindigkeit seine Bewerbungen zurückkommen. "Da kann nicht auf viel mehr als das Geburtsdatum geschaut worden sein." Auch L. kommt regelmäßig zum Lauftreff. "Es geht für mich um eine sportliche Ergänzung zu dem, was ich sonst mache, aber auch um die Geselligkeit." Sie hätten, sagt Reiner B., eine tolle Truppe gefunden. "Denn der Erfahrungsaustausch ist natürlich auch wichtig", so der 61-Jährige. Vor allem jedoch geht es für den gelernten Konstrukteur, für die anderen Arbeitssuchenden in der Gruppe und auch für Arbeitsvermittler Bifolchi um eins: Neue Jobs zu finden. "Das Laufen macht Spaß, aber ich will einen Job haben, sonst nichts", macht B. deutlich.

Das Problem: "In den Köpfen vieler Arbeitgeber ist es noch nicht angekommen, dass qualifiziertes Personal über 50 absolut gleichwertig ist und zudem über einen großen Erfahrungsschatz verfügt", so Christian Bifolchi.

"Wir tun hier, was wir können, von Schulungen bis zu finanziellen Mitteln für die Arbeitgeber, um ältere Arbeitssuchende zu unterstützen."

Quelle: RP
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