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Solingen
Kontrolle dauert nach Hochhaus-Brand

Solingen: Kontrolle dauert nach Hochhaus-Brand
Die Mehrfamilien-Häuser im Bereich Hasseldelle gelten laut Bauordnung nicht als Hochhaus. Aber auch Gebäude dieser Art könnten ein höheres Brandrisiko haben, weswegen sie jetzt auf mögliche Mängel untersucht werden. FOTO: Martin Kempner
Solingen. Die Feuerwehr überprüft sukzessive alle hohen Gebäude in der Klingenstadt durch "Inaugenscheinnahme", hat aber keine Befugnis, Proben an Fassaden zu entnehmen. Von Fred Lothar Melchior

"Sehr gewundert" hat Frank Breitgraf sich schon. Nach dem verheerenden Brand des Grenfell Towers in London erhielt der Experte nicht einen Anruf besorgter Mieter oder Hausbesitzer. Auch nach der Evakuierung eines Wuppertaler Hochhauses hatte niemand Fragen an den Abteilungsleiter Vorbeugender Brandschutz der Solinger Berufsfeuerwehr. Zwar gibt es in der Klingenstadt nur ein einziges Gebäude, das der Hochhaus-Definition laut Bauordnung entspricht: Aufenthaltsräume des Klinikums liegen mit ihrem Fußboden mehr als 22 Meter über der Erde. Aber Häuser mit zahlreichen Geschossen finden sich mehrfach im Stadtgebiet - etwa in der Hasseldelle, am Locher Kotten sowie an der Teutonenstraße. Und auch niedrigere Gebäude können ein hohes Brandrisiko haben.

Wie hoch, das kann Frank Breitgraf nicht in jedem Fall wissen. "Nach dem Brand in London haben wir direkt mit der Bauaufsicht gesprochen", erläutert der 59-Jährige, der seit 1995 auf den Brandschutz spezialisiert ist. "Im Rahmen der Brandschau werden wir jetzt alle hohen Häuser in Solingen genauer betrachten. Wir können aber nur augenscheinliche Mängel erkennen und haben beispielsweise kein Recht, Proben der Fassade zu entnehmen." Beim gesperrten Hochhaus in Wuppertal war ein Feuerwehrmann nur wegen beschädigter Fassadenplatten an das Dämmmaterial gekommen.

"Enorme Herausforderung"

"Es gibt die ganz klare Vorgabe, dass Hochhäuser eine nicht brennbare Fassade haben müssen", betont Breitgraf. Unter einer Gebäudehöhe von 22 Metern gilt das zum Leidwesen der Feuerwehrleute aber nicht. "Brände von Wärmedämmverbundsystemen, in denen Polystyrolschaum verarbeitet ist, stellen die deutschen Feuerwehren vor enorme Herausforderungen", heißt es in einem Positionspapier vom 12. Juni. "Die rasante Brandausbreitungsgeschwindigkeit und die enorme Rauchintensität dieser Systeme unterscheiden sich deutlich von anderen Fassadensystemen."

Seit 2012 zählten die deutschen Feuerwehren elf Tote und 124 Verletzte durch Brände, die mit einer Polystyrol-Dämmung in Verbindung stehen. Wie schnell beispielsweise ein brennender Müll- oder Wertstoffcontainer ein Haus entflammen kann, zeigte sich in Solingen unter anderem an der Mummstraße. Breitgraf: "Da hat sich das Feuer wegen einer Konterlattung hinter der Fassade ausgebreitet. Es ist immer ein Problem, wenn ein Brand in einen Hohlraum läuft." Dass sich die Flammen rasant nach oben ausbreiten, kann aber durch sogenannte Brandriegel verhindert werden, die aus nicht brennbarem Dämmstoff wie geschäumtem Glas bestehen.

"Die Bauvorschriften in Deutschland sind im Allgemeinen ausreichend", unterstreicht Frank Breitgraf. Ein besserer Standard schadet aber nicht: Von einem hohen Gebäude an der Tizianstraße etwa weiß der Brandschutz-Experte, dass dort nicht nur Beton an der Fassade verwendet wurde, sondern auch ein spezielles Sicherheitstreppenhaus vorhanden ist. Vorgeschrieben ist es nur für Gebäude mit noch mehr Etagen.

Bei der Genehmigung von Neubauten mit höchstens zwei Geschossen und zwei Wohnungen muss die Feuerwehr ohnehin nicht von der Bauaufsicht eingebunden werden. Und wenn Heimwerker ihr altes (Fachwerk-)Haus mit einer Dämmung und eventuell einer Kunststoff-Fassade versehen, weiß davon am ehesten der Baumarkt. "Schwer entflammbar und nicht brennbar sind unterschiedliche Begriffe", warnt Breitgraf.

"Wenn alles nach Recht und Ordnung liefe, wären die Feuerwehren arbeitslos", kommentiert der Abteilungsleiter. Immer wieder komme es jedoch vor, dass etwa Brandschutztüren zum Keller durch einen Keil offengehalten werden - und der Rauch dann bei einem Feuer das Treppenhaus unpassierbar machen würde. Und die seit Jahresanfang auch in NRW vorgeschriebenen Brandmelder seien zwar der richtige Schritt - aber nur, wenn sie regelmäßig gewartet würden. Breitgraf: "Es gibt auch keine Vorschrift, dass die Rauchmelder in größeren Häusern vernetzt werden müssen."

Wer kontrolliert, ob schon überall Rauchmelder installiert wurden ? "Das können wir nicht leisten", bedauert der Brandschutz-Spezialist. Selbst die vorgesehene Überprüfung der Solinger "Hochhäuser" werde sich bis ins nächste Jahr hinziehen. Erst 2018 werden Frank Breitgraf vier Mitarbeiter für den Bereich Brandschau zur Verfügung stehen. Zurzeit sind es zwei, die auch nicht die volle Stundenzahl im Einsatz sind.

Quelle: RP
 
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