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Viersen
Eine Ministerin bekennt sich zur Heimat

Viersen. Der Heimatgipfel war zu Gast in der GWG-Zentrale in Neuss. In diesem "Haus des Bauens" diskutierten Experten mit Bundesministerin Barbara Hendricks (SPD) über Bauen und Stadtentwicklung - und die Gestaltung von Heimat. Von Christoph Kleinau

Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) war der Stargast beim "Heimatgipfel" von Rheinischer Post und NGZ, doch im Interview musste sie Christoph Napp-Saarbourg den Vortritt lassen. Eine Neusser Besonderheit, wie Horst Thoren als stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung erklärte, die den Schützenkönig - zumindest manchmal - über die Politik stellt. So bekam die Ministerin aus Kleve eine "Blitzeinführung" in Neusser Seele und Lebensart, bevor sie mit Horst Thoren, NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten und vor allem mit Stefan Zellnig, dem Vorstand der gastgebenden Gemeinnützigen Wohnungs-Genossenschaft (GWG), und dem Neusser Architekten Eckehard Wienstroer über Stadtentwicklung und damit über die Gestaltung von Heimat diskutierte. Es war ihr, so wurde den mehr als 70 Zuhörern deutlich, eine Herzenssache. Vielleicht lag es daran, dass sich die Ministerin tagsüber mit einem neuen Gutachten zu Auswirkungen eines möglichen Störfalls im belgischen Atomreaktor Tihange auf deutsche Regionen beschäftigt hatte, dass sie das Thema Heimat auch mit der Energiewende verband. "Das Lebensumfeld ändert sich ständig", sagte sie zur vielerorts geäußerten Kritik an immer neuen Windenergieanlagen, die sie mit dem Hinweis konterte, auch die vor über 200 Jahren im Rheinland auftauchenden Windmühlen hätten vielleicht nicht jedem Zeitgenossen gefallen. Deutschland werde vermehrt auf erneuerbare Energien angewiesen sein, beim Bau von Windrädern an Land aber schon bald an Grenzen stoßen, sagte sie. Um einen Ausgleich der Interessen herbeiführen zu helfen, habe sie ein Kompetenzzentrum einrichten lassen.

Die Ausweisung von mehr Landschaftsschutzgebieten, um in Zeiten von "Flächenfraß" durch immer neue Wohn- und Gewerbeflächen zum Beispiel auch die Dörfer als Ensemble zu schützen, hält Hendricks, die in Personalunion auch Umweltministerin ist, nicht für nötig. Sie drehte vielmehr den Spieß um, als sie sagte, man müsse "aufpassen mit Investitionen in Randlagen". Denn die Menschen zieht es in die Städte, verstärkt im Alter. Dort hält sie eine Nachverdichtung für unerlässlich, die sie mit der gesetzlichen Regelung für einen neuen Typ Baugebiet vereinfachen will. Der soll auch die Konfliktlinie überwinden, die Wienstroer nicht nur in Neuss in dem Nebeneinander von Gewerbe und Wohnen erkennt. "Wunderbar wäre es", regte Wienstroer in diesem Zusammenhang an, "die technische Anleitung Lärm zum Instrument des Ausgleichs zu machen."

Ihre Forderung nach einer Nachverdichtung verband Hendricks mit dem Vorschlag, in die Höhe zu wachsen. "In manchen Städten lohnt es, ein bis zwei Etagen höher zu bauen", sagte sie - oder die Siedlungsblöcke der 1950er/1960er-Jahre entsprechend aufzustocken. Das war die Vorlage für Christoph Napp-Saarbourg, der das Stichwort Maßstäblichkeit in die Diskussion einführte. Maßstäblichkeit sei entscheidend, sagte der Schützenkönig in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Zukunftsinitiative Innenstadt Neuss, um den Charakter einer Stadt zu betonen. "Fortschritt und Wohlstand äußern sich nicht in Wolkenkratzern", sagt er. Zumindest der Wohlstand einer Stadt aber hat seiner Überzeugung nach mit einer florierenden City, ihren Händlern und Handwerkern zu tun.

Als besonders innovativen Handwerker stellte RP-Redakteurin Anke Kronemeyer den Hildener Bäckermeister Roland Schüren vor. Der produziert nicht nur 150 verschiedene Produkte, die Heimat zum Geschmackserlebnis machen, sondern wurde darüber zum Experten in Sachen Energie-Effizienz. Sein CO2-neutraler Betrieb ist Spitze - sogar bundesweit.

Quelle: RP
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