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Schwalmtal
Kunstwettbewerb für Hosterts Friedhof

Schwalmtal: Kunstwettbewerb für Hosterts Friedhof
Das Eisentor zum Friedhof stammt aus dem Jahr 1962. Es soll bei einer Neugestaltung ebenso bestehen bleiben wie die alten Friedhofsbäume, die Gräber und die Buchenhecke. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Schwalmtal. Der LVR will noch in diesem Sommer einen Wettbewerb unter zehn namhaften Künstlern ausrufen, um den Gedenkort Waldniel-Hostert neu zu gestalten. Die Pläne sind mit der Gemeinde und der Pfarre abgestimmt. Von Sabine Janssen

Die Schatten der Vergangenheit werden in Hostert nicht verblassen. Zu viel Schreckliches ist dort während der Zeit des Nationalsozialismus geschehen. Zwischen 1941 und 1943 töteten NS-Chargen dort 99 behinderte Kinder durch Nahrungsentzug und Vernachlässigung. Die "Kinderfachabteilung" der Provinzial Heil-und Pflegeanstalt von Waldniel-Hostert galt im Rheinland als Zentrum für Euthanasie und Zwangssterilisation.

Diese Schatten werden bleiben. Sollen sie sogar: Waldniel-Hostert ist heute bereits ein Erinnerungs- und Gedenkort, an der der menschenfeindlichen NS-Diktatur und ihrer Verbrechen gedacht wird. Jetzt will der Landschaftsverband Rheinland (LVR) als Rechtsnachfolger der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt den Friedhof von einem renommierten Künstler gestalten lassen und den Ort des Gedenkens damit würdigen.

Voraussichtlich im August wird der LVR einen Wettbewerb mit zehn Künstlern für das 2400 Quadratmeter große Grundstück ausloben. "Erwartet wird die Ausarbeitung eines künstlerischen, (landschafts)-gestalterischen und/oder architektonischen Entwurfs zur Ausgestaltung des Gedenk- und Erinnerungsortes" heißt es in der Beschlussvorlage des LVR, die bereits viele LVR-Ausschüsse, aber auch örtliche Gremien passiert hat. Nun steht nur noch die Zustimmung im Landschaftsausschuss aus. Sie soll am 26. Juni erfolgen.

Jeder der zehn Künstler soll einen Vorschlag zur Gestaltung des Friedhofs machen, der von der Idee bis Realisierung reicht, ein pädagogisches Begleitprogramm mitliefert ebenso wie eine Kostenkalkulation und die Unterhaltskosten. Allein für den Wettbewerb hat der LVR 20 000 Euro veranschlagt. Jeder Künstler wird für seinen Vorschlag 2000 Euro erhalten.

"Wir sind als LVR in der moralischen Pflicht", sagt Dr. Arie Nabrings vom LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, der das Projekt leitet. Der LVR wolle nicht nur den Wettbewerb, sondern auch das anschließende Kunstprojekt finanziell stemmen, so Nabrings. Zur Not auch ohne weitere Förderer.

Mit der künstlerischen Gestaltung der Gedenkstätte soll auch die weitere Erforschung der Waldnieler Geschichte durch einen Historiker einhergehen. Die Landeszentrale für politische Bildung hat dafür eine finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt.

Die Initialzündung für die Pläne geht auf das Jahr 2012 zurück. "Damals hat der Arbeitskreis zur Erforschung der Geschichte der NS-Euthanasie und Zwangssterilisation Hostert mitsamt des Friedhofs und der verfallenen Gebäude besichtigt", erzählt Nabrings. An viele Stellen sei danach der Appell ergangen, das Gelände in Waldniel zu erhalten. "Aber das komplette Gelände mit den Gebäuden zu überplanen war finanziell sehr anspruchsvoll", so Nabrings. Deshalb einigte man sich 2014 darauf, den Anstaltsfriedhof neu zu gestalten, die die Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt-Waldnieler Heide 1959 erwarb.

Nach dem langen Vorlauf soll das weitere Vorhaben zügig angegangen werden: Sollte der Landschaftsausschuss zustimmen, wird die Ausschreibung im August erfolgen. Die Künstler haben drei Monate Zeit für die Ideenskizzen. Danach entscheidet eine Jury über den Entwurf, der dann binnen eines Jahres umgesetzt werden soll.

Die Liste der Künstler, die um einen Vorschlag gebeten werden, liest sich durchaus wie das "Who ist Who" der gestaltenden Kunst: Ruedi Baur, Tony Cragg, Bogomir Ecker, Horst Hoheisel, Andreas Knitz, Susanne Krell, Julia Scher, Gregor Schneider, Rosemarie Trockel und Peter Zumthor. "Uns war wichtig, dass sie mit dem Thema vertraut sind", sagt Nabrings. Einige der Künstler hatten sich seinerzeit um die Gestaltung des EL-DE-Hauses, 1935 bis 1945 Sitz der Gestapo und seit 2013 NS-Dokumentationszentrum von Köln, beworben.

Die Gemeinde und die Pfarrgemeinde St. Matthias Schwalmtal, zu der St. Mariae Himmelfahrt heute gehört, sind von Anfang in die Planung einbezogen ebenso die Initiatoren und Erforscher von Hostert. "Ihnen ist es zu verdanken, dass der Ort nicht in Vergessenheit geraten ist", sagt Nabrings. Den Waldnielern wurde daher auch ein klares Mitspracherecht bei der Gestaltung eingeräumt.

So sind als Auflagen für die Neugestaltung bereits mehrere Punkte festgelegt: Die Gräber genießen einen besonderen Schutz, sie dürfen nicht überbaut. Es muss Platz bleiben für Feiern mit bis zu 200 Personen. Die Friedhofsbäume (1912), das Flügeltor samt Pfeilern (1962) und die Buchenhecke (1988) bleiben erhalten. Ein Neuanfang - so lassen sich diese Auflagen lesen - soll es für Hostert nicht geben. Der Friedhof hat seine Vergangenheit als Ort des Grauens und als Ort des Gedenkens.

Quelle: RP
 
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