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Wermelskirchen
Erwachsenwerden in bewegten Zeiten

Wermelskirchen: Erwachsenwerden in bewegten Zeiten
Verstanden sich trotz des Altersunterschieds auf Anhieb: Anna-Lena Robi (19) und Maria Popko (94). FOTO: Jürgen Moll
Wermelskirchen. 2018 - Das Jahrtausend ist volljährig geworden. Das gilt auch für Anna-Lena Robl. Zum neuen Jahr trifft sie Maria Popko, die vor mehr als 70 Jahre volljährig wurde - und die beiden Frauen kommen schnell ins Gespräch. Von Theresa Demski

Anna-Lena Robl und Maria Popko kannten sich bisher nicht. Zwischen den beiden Frauen liegen 74 Jahre. In diesem Jahr - zum 18. Geburtstag des Jahrtausends - bittet die Redaktion die 19-Jährige und die 94-Jährige an einen Tisch. Wie war das eigentlich mit dem Erwachsenwerden - damals und heute?

Maria Popko lacht. "Früher war alles ganz anders", sagt sie dann und beginnt eine gedankliche Reise. "Ich habe mit 14 die Schule verlassen, wir hatten Landwirtschaft, und es gab viel zu tun", erzählt sie, "wir mussten schon früh Verantwortung übernehmen." Und dann begann der Krieg. Maria Popko arbeitete in der Mullfabrik, stellte Verbandsmaterial für die Soldaten her, lebte Zuhause bei ihren Eltern und feierte mit 21 ihre Volljährigkeit. "Damit änderte sich gar nichts", erzählt sie. Ihr Vater habe immer gesagt: "Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast...". "Den Spruch kenne ich auch", sagt Anna-Lena Robl lachend und vollendet ihn dann: "... so lange gelten auch meine Regeln."

Hinter der 19-Jährigen liegt das erste Jahr ihrer Volljährigkeit: "Und für mich hat sich viel verändert." Sie hat die Schule verlassen, die Ausbildung begonnen und hat viele Wünsche und Träume im Gepäck. "Ausland, Pause, Studieren: Nach der Schule stellten sich viele Fragen für mich", erzählt die junge Dabringhausenerin. Sie entschied sich dafür, erst einmal ein bisschen Geld zu verdienen und dann die Ausbildung zu beginnen. "Und ich habe den Führerschein gemacht, das hat viel für mich verändert", sagt sie, "jetzt habe ich viel mehr Freiheit und kann selbst bestimmen."

"Führerschein?" Maria Popko lacht. "Ich hatte ein Fahrrad, wir hatten gar kein Geld für ein Auto", erzählt sie. Dann legt sie kurz die Stirn in Falten. "Ich weiß noch, als ich das erste Auto bei uns auf der Straße gesehen habe: Eine Kutsche ohne Pferde, wir haben gestaunt." Lange Strecken bis nach Lindlar habe sie auf zwei Rädern zurückgelegt. Dank ihres Ballonrads mit den dicken Reifen geriet sie nicht in die Bahngleise. Aber die Berge rauf musste sie das Rad schieben. "Wenn ich mir das vorstelle", sagt ihre 19-jährige Gesprächspartnerin, "undenkbar. Andere Zeiten." Und in diesen Zeiten blieb wenig Platz für Lebensträume. "Man war im heiratsfähigen Alter", sagt Maria Popko, "und damit waren auch die einzigen Pläne verbunden, die es für uns gab."

In der Tanzschule über Café Wild saßen die Jungen auf der einen und die Mädchen auf der anderen Seite des Tanzsaals. Zum Tanzen trafen sich die jungen Wermelskirchener in Habenichts. Dann wurde die Kegelbahn zur Tanzfläche. "Wir mussten darauf warten, dass wir aufgefordert wurden", erzählt Maria Popko, die mit 31 Jahren heiratete. Deutlich weniger Jungs als Mädchen erhöhten die Spannung.

Ähnlich ging es auch Anna-Lena Robl, damals war sie allerdings 13 Jahre alt. Damals besuchte sie mit Freunden die Tanzschule. "Pyjamapartys mit meinen beiden besten Freundinnen, ein guter Film, mal ein Bier. So verbringen wir heute unsere Abende", sagt die 19-Jährige. Sie verabreden sich über Nachrichten auf dem Handy. "Bei uns gab es damals genau ein Telefon in der Straße", sagt Maria Popko. Allerdings skypt sie heute manchmal mit ihren Enkeln. "Ich finde die Technik heute wirklich gut", sagt die 94-Jährige.

Und wann sind die beiden Frauen nun erwachsen geworden? "Manchmal ist es, als sei ich noch zehn", sagt Anna-Lena Robl und lacht. Und dann ergänzt Maria Popko mit einem Augenzwinkern: "Ich fühle mich manchmal morgens wie 18 und abends wie 94."

Quelle: RP
 
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