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Wermelskirchen
Nach der Milchquote kommt die Ungewissheit

Wermelskirchen. Ab morgen betreten viele Landwirte Neuland, denn erstmals seit knapp 30 Jahren dürfen sie so viel Milch produzieren, wie sie möchten. Einige sorgen sich vor einem Preisverfall, andere freut die neue Freiheit. Von Marcel Kleifeld

Die hiesigen Landwirte reagieren mit gemischten Gefühlen auf das Ende der Milchquote ab morgen. Lambert Stöcker aus dem Landesvorstand des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM), zuständig für Rhein-Berg, befürchtet drastische Konsequenzen. Er gehe von keinem fortschreitenden Strukturwandel, sondern von einem regelrechten Strukturbruch aus, sagt er. Es würden Überproduktion und Preisverfall drohen. Er nimmt die Politik in die Pflicht, einzugreifen. Andere Landwirte aus Rhein-Berg sehen die Situation weniger dramatisch. Sie freuen sich über mehr Freiheit.

Morgen läuft die Milchquote aus - ein historisches Ereignis. Mehr als 30 Jahre deckelte die Europäische Union mit Hilfe der Quote die Milchmenge. Die EU hatte die Quote 1984 eingeführt, um die Produktion von Milcherzeugnissen zu regulieren. Es sollte nur so viel produziert werden, wie auch verbraucht wurde. Ein Milchkontingent legte die genaue Milchmenge fest, die ein Landwirt liefern durfte. Landwirte, deren Kühe jedoch mehr Milch gaben, mussten sich an der Börse Berechtigungsscheine kaufen, andernfalls drohten Strafzahlungen.

Nun dürfen die Landwirte so viel Milch produzieren, wie sie möchten. Eine maximal vorgegebene Menge gibt es nicht mehr. Viele Landwirte betreten ohne die Quote regelrechtes Neuland - so auch Torsten Mühlinghaus, Wermelskirchener Ortslandwirt. Er habe keine Erfahrung darin, ohne Beschränkungen durch die EU zu landwirtschaften. Seinen Optimismus lässt er sich trotzdem nicht nehmen. "Es zwingt mich ja auch keiner, Landwirt zu sein", sagt er und betont die Freude, die er an seiner Arbeit habe. Die Landwirte würden sich auch weiterhin durchkämpfen.

Mühlinghaus, der auf seinem Hof mehr als 100 Kühe hält, erwartet keine ausufernden Produktionen. Dazu brauche man viel Platz und gute Mitarbeiter - beides sei sehr knapp. Von einem weiter sinkenden Milchpreis geht er nicht aus. Der Milchpreis hänge von vielen weiteren Faktoren ab - wie der Entwicklung in internationalen Krisenregionen (beispielsweise Russland).

Der Quote trauert er nicht hinterher: "Sie hat ihren Zweck, einen stabilen Preis zu gewährleisten und den Strukturwandel zu bremsen, nicht erfüllt." Zuletzt erhielten die Landwirte nur 28 Cent pro Liter Milch - bei Bestehen der Milchquote. Das reicht schon jetzt nicht, um die Produktionskosten zu decken. Viel schlimmer könne es auch ohne die Quote nicht werden, sagt Mühlinghaus mit einer Prise Sarkasmus.

Lambert Stöcker würde dem wohl widersprechen. Er rechnet damit, dass es bei weiter sinkenden Preisen vor allem Familienbetriebe schwer haben und in Existenznot geraten könnten. Zudem erwarte er einen "massiven Preisdruck", der die Landwirte belasten werde. Allerdings kann auch er der Quotenregelung nicht viel Gutes abgewinnen. "Sie war genauso sinnlos wie das, was jetzt kommt", findet Stöcker harte Worte. Er hätte eine Weiterführung der Quote, modifiziert um eine dauerhafte Marktorientierung, gerne gesehen. Denn die fehlende Orientierung am Markt und die daraus resultierende mangelnde Flexibilität seien die größten Schwächen gewesen.

Quelle: RP
 
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