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Wesel
65 Jahre offen: Das Gedächtnis der Stadt

Wesel: 65 Jahre offen: Das Gedächtnis der Stadt
Archivleiter Dr. Martin Roelen, Leonie Benninghoff, Sophie Breuer und die Kulturbeauftragte Heike Kemper (stehend, v.l.) sowie Bürgermeisterin Ulrike Westkamp, Herbert Grütter und Volker Kocks im Lesesaal FOTO: Fritz Schubert
Wesel. Seit dem 18. Oktober 1952 ist das Stadtarchiv für alle zugänglich. Die Bestände und auch die Zahl der Nutzer nehmen zu. Von Fritz Schubert

Es gab Zeiten, da wurde so genau über die Ausgaben der Stadt Buch geführt, dass die Begründungen romanhafte Züge annahmen. Etwa zum Verzehr des Magistrats von Brot und Wein als Beobachter der peinlichen Befragung eines Gefangenen durch den Scharfrichter. Übersetzt: Während der arme Kerl gefoltert wurde, ließ es sich der zuschauende Rat schmecken. Darüber wüsste man heute nichts, wenn nicht die Stadtrechnungen aufgehoben worden wären. Wesel ist in der glücklichen Lage, ein Stadtarchiv voll solcher Schätze zu besitzen. Es feiert heute einen besonderen Geburtstag: Seit genau 65 Jahren ist es für alle zugänglich. Es wächst weiter und wird auch stark genutzt.

330 Meter laufende Meter Akten und Amtsbücher bildeten 1952 den Bestand. Der bringt es heute auf stattliche vier Kilometer. Die sind in der Baeckerey gut aufgehoben. So heißt das An der Zitadelle 2 beheimatete Festungsgebäude, das selbst ein Stück Geschichte ist. Hier ist der Lesesaal dienstags bis donnerstags jeweils von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Zur Kundschaft zählen Wissenschaftler, Schüler, Studenten und Heimatforscher. Im vergangenen Jahr kamen 1250 externe Nutzer sowie 147 aus Wesel. Die meisten sind Familienforscher.

Der gebürtige Obrighovener Herbert Grütter ist so einer, der selbst bald zum Inventar gehört. Zweimal wöchentlich ist er da und stöbert in der Vergangenheit. So fand er auch etwas über ein uneheliches Kind in der Familie. Etwas, über das nicht gesprochen wurde. Aber aktenkundig war es eben doch geworden. Was das Archiv und die Mannschaft um Leiter Dr. Martin Roelen für ihn so wertvoll macht, hat Grütter schnell skizziert: "Hier herrscht ein gutes Klima, hier finde ich viel, ich lerne Leute kennen und ich bekomme viel Hilfe. Es macht Spaß."

Als "außerordentlich wichtig" und als "Gedächtnis der Stadt" bezeichnete Bürgermeisterin Ulrike Westkamp gestern das Archiv. Zum Ortstermin brachte sie eine Ausgabe der "Felixstowe Times" vom 28. September 1973 mit. Ein Jahr vor der Besiegelung der Städtepartnerschaft wird darin über den Besuch von 18 Weseler Pennälern berichtet. Holger Schlierf, Jürgen Sondermann und Günter Weyer, die Westkamp unlängst traf, waren dabei. Von Sondermann bekam sie dann die historische Zeitung. Gaben wie diese mehren den Bestand ebenso wie umfangreiche Schenkungen und natürlich das, was tagtäglich im Rathaus Aufhebenswertes produziert wird.

Wesels Archiv ist eins der Besten. Bis 1349 reichen die Rechnungen zurück, manche Handschriften sind deutlich älter. Groß ist allerdings der Verlust an Urkunden, also ausgerechnet jener Dokumente, die als besonders wertvoll gelten. Sie waren 1876 ins Hauptstaatsarchiv nach Düsseldorf gebracht worden. Während das meiste Material den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs in einer Kasematte des Haupttorgebäudes der Zitadelle überstand, ging ausgerechnet der Düsseldorfer Anteil verloren. Er war zur vermeintlichen Sicherheit in ein Kalibergwerk nach Volpriehausen ausgelagert worden. In dessen Tiefen explodierte eine Munitionsfabrik. Was nicht in Flammen aufging, wurde ein Raub des Grubenwassers, das nicht mehr abgepumpt werden konnte. Gut 1500 von etwa 1800 Urkunden wurden vernichtet. Ebenso die Findmittel dazu, die Aufschluss über den Inhalt hätten geben können. Immerhin wurde die Stadterhebungsurkunde von 1241 gerettet.

Das Stadtarchiv ist Gedächtnis und gibt Anstöße: Es hat etliche Ausstellungen bestückt, zahlreiche Kataloge und Studienbände herausgegeben, es veranstaltet genealogische Abende und ruft unter www.zeitreise-wesel.de zum Mitwirken auf.

Quelle: RP
 
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