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Himmel Und Erde
Der Engel von Kalkfeld

Wesel. Thomas Brödenfeld, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Wesel, schreibt alle 14 Tage seine Kolumne "Himmel und Erde" in der RP. Diesmal berichtet er über den Aufenthalt einer Gruppe im Partnerschaftskirchenkreis Otjiwarongo in Namibia - und über eine besondere Begegnung.

Es gibt Orte auf dieser Welt, die sind noch düsterer als ihr Name. Kalkfeld ist solch ein Ort.

Auf unserer Begegnungsreise durch unseren Partnerschaftskirchenkreis Otjiwarongo in Namibia stoßen wir auch auf diesen scheinbar verlassenen Flecken. Kalkfeld liegt rund 65 Kilometer südwestlich von Otjiwarongo und war einst eine florierende Ortschaft mit einem wichtigen Verladebahnhof für Rinder. Seit mehr als 20 Jahren aber ziehen mehr und mehr Einwohner weg und die wenigen Häuser verfallen zunehmend.

Wer durch Kalkfeld fährt, nimmt zunächst einmal nur die große Tankstelle mit angeschlossenem Rastplatz am Ortseingang wahr. Einige schlichte Häuser fliegen am Fenster unseres Kleinbusses vorbei. Ein Stück Wüste schließt sich an. Dann jedoch sind sie nicht zu übersehen. Die erschreckend windschiefen und verfallenen Wellblech- und Pappbaracken. Unvorstellbar, dass dort Menschen leben sollen. Wir biegen von der staubigen Hauptstraße ab, um zur Kirche von Kalkfeld zu gelangen. Grauer Schotter, wohin man sieht. An der Kirche steigen wir aus und gehen durch die sengende Hitze. Angesichts des Elends verschlägt es uns die Sprache. Aus Müll und wenigen Baumaterialien haben sich die Menschen notdürftige Unterkünfte zusammengebastelt. Alles Leben scheint angesichts der erdrückenden Not und der unbarmherzig vom Himmel scheinenden Sonne erstarrt.

Doch dann kommen sie zusammengelaufen. Kinder aus fast allen Hütten des Ortes. Barfuß auf spitzem Geröll. Neugierig nähern sie sich uns. Sprechen uns in unbekannter Sprache an und verscheuchen unsere Verlegenheit mit ihrem herzerfrischenden Lachen. Die mitgenommenen Süßigkeiten sind schneller verteilt, als wir gucken können.

Unser Weg führt uns zu Schwester Salfine. Sie ist so etwas wie die Mutter Teresa von Kalkfeld, ein Leuchtturm in der Dunkelheit dieses Elendsquartiers. Zusammen mit ihrer 13 Jahre alten Tochter versorgt Schwester Salfine die Armen in Kalkfeld mit Essen. Jeden zweiten Tag kocht sie auf einer einfachen Feuerstelle für mehr als 300 Menschen ein Mittagessen und bringt es in die Baracken.

Schwester Salfine lädt uns in ihr kleines Haus ein und erläutert das Sozialprogramm, dass sie im Auftrag der evangelischen Kirche in Kalkfeld durchführt. Im Garten hat sie Heilkräuter gegen verschiedene Krankheiten gepflanzt. Gemeinsam mit Salfine und ihrer Tochter gehen wir zur Kirche. Wir singen zusammen und beten. Übergeben einen Geldbetrag für ihre diakonische Arbeit.

Zurück in unseren Bussen wissen wir nicht, wohin mit allen diesen Bildern. Die Armut und die Ungerechtigkeit. Unser Überfluss. Die Nachrichten vom Flüchtlingselend im fernen Europa, die uns auch in Namibia erreichen.

Aber wir wissen, dass wir gerade eben einem wahren Engel begegnet sind.

THOMAS BRÖDENFELD

Quelle: RP
 
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