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Wesel
Journalistin mit 90 Jahren

Wesel: Journalistin mit 90 Jahren
Hanne Buschmann schreibt für unsere Zeitung vorwiegend über kulturelle Ereignisse in Wesel. Sie begleitet die Vielfalt der Kultur wohlwollend. Wer mit ihr spricht, lernt einen wachen, klugen und witzigen Menschen kennen. FOTO: Jana Bauch
Wesel. Unsere Autorin Hanne Buschmann ist ein Weseler Original - 90 Jahre alt, und immer noch schreibt sie aus Leidenschaft. Wir Redakteure staunen immer wieder über diese Frau und haben sie gebeten, einmal aufzuschreiben, wie sie zum Journalismus kam. Dann hat sie uns diesen Text geschrieben. Von Hanne Buschmann

Morgens in Rees. Gerade vom Parkplatz zum Schulgebäude angekommen, empfängt mich der Direktor: "Wir haben schon doll gelacht: Ganz kaputt gekriegt haben die Sie aber nicht." Was meinte er mit "ganz kaputt"? Zuerst war ich irritiert, habe wahrscheinlich etwas dumm geguckt, war - zugegeben -etwas sprachlos. Dann sah ich das Unglück in der Zeitung. Einige Zeit zuvor hatte ich einen Reisebericht über Tibet eingereicht. Aber das, was da nun als Zeitungsartikel vor mir lag, das war nur noch stückweise von mir. Zwar war der Text mit einer kleinen Landkarte ergänzt - gut -, dazu allerdings mit kenntnisfreien Allgemeinplätzen und sachfernen Klischees aufgerüstet. Sie hatten meinen Artikel zwar abgedruckt. Aber so viel Falsches!

Mein Direktor sagte: "Die Fehler sind natürlich nicht von Ihnen. Wer Sie kennt, der weiß das." Getröstet hat mich das an diesem Tag auch nicht.

Der Unterschied zwischen dem lieben Gott und einem Lehrer ist wohl allgemein bekannt: Der liebe Gott weiß alles, ein Lehrer weiß alles besser. Wer diesen Witz erfunden hat, kannte keine bestimmte Spezies von Journalisten, dachte ich, mit ziemlich viel Wut im Bauch. Es war nicht meine Zeitung, die Rheinische Post, mit der mir das passiert ist. Aber angerufen habe ich anderntags die RP-Hauptredaktion in Düsseldorf und einen Tibet-Bericht angeboten, denn Journalisten wurde inzwischen die Einreise in das seit Jahrhunderten von China abhängige Land verweigert. Ich war mit der zweiten oder dritten kleinen Reisegruppe dort, selbstverständlich gut vorbereitet.

"Können Sie exakt 60 Zeilen à 35 Anschläge schreiben? Bitte sofort senden." Drei Tage später stand meine exakte historische, kulturgeschichtliche und aktuell politische Zusammenfassung wieder in der Zeitung. Genau so wie ich sie geschrieben hatte. Damit bin ich zur Lokalredaktion der RP in Wesel gegangen und habe gefragt, ob ich Berichte über kulturelle Themen für die Lokalausgaben schreiben könnte. - "Können Sie Musik? Da fehlt uns jemand." Ich sagte: "Ja, studiert habe ich das nicht, ob da zum Beispiel ein f oder ein fis angeschlagen werden müsste, könnte ich nicht beurteilen, wohl aber, ob das Ganze stimmig war." Antwort: "Genau, das wollen die Leser bestätigt haben."

Und so fing ich 1980 im Alter von 53 Jahren an, unter dem damaligen Weseler Lokalchef Matthias Roscher, einem hellwachen, wendigen und qualitätsbesessenen Menschen. Und prima Kollegen und Kolleginnen rundherum am Niederrhein. Da machte die freie Mitarbeit richtig Freude, macht es immer noch, auch wenn längst andere Redakteure und ...innen, (oh, diese Gender-Sprache) am Ruder sitzen.

Mein Zeitungsjob und meine Lehrtätigkeit an der Schule vertrugen sich hervorragend. Besonders, wenn eine Projektwoche anlag. Als es noch nicht üblich war, dass Zeitungsredaktionen in die Schulen gingen, war die Emmericher RP-Redaktion auf meine Bitte sofort bereit, Sachberichte von Schülern zu bearbeiteten Themen der Projektwoche für den Druck anzunehmen, mit vollem Namen und Klassenzugehörigkeit der Schreiber. Dabei entwickelten sich Spezialisten für knackige Überschriften, sogar für satirisch aufgemachte Texte. Folgen fürs Aufsatzschreiben hatte das automatisch: keine langatmigen Einleitungen, sofort ran an die Sache, alles stichhaltig begründet.

Als der Termin meiner Pensionierung vom Schuldienst näher rückte, überlegte ich, ob ich weiterführend Kunstgeschichte oder ganz neu Japanologie studieren sollte. Es kam anders.

Als ich in der Redaktion bekannte, dass ich meine Abschiedsfeier in der Schule hinter mir hätte und über meinen weiteren Weg nachdächte, sagte der Redaktionsleiter der Rheinischen Post, Thomas Hesse: "Wieso das denn, hier wird geschrieben, und zwar täglich, alles was anfällt. Gerade für Sie. Wesel feiert jetzt das 750. Jahr seiner Stadterhebung." Das war 1991. Ich war so überrumpelt, dass ich nur nickte und die nächsten Termine notierte.

Das hat sich als gut erwiesen. Für fast jede RP-Redaktion am Niederrhein habe ich geschrieben und enorm viel dabei gelernt und sehr viele interessante Menschen und Probleme kennengelernt. Genau das Richtige für mich, denn ich bin unheilbar wissbegierig. Wenn Neues auf mich zukam, von dem ich nur ungenaue Vorstellungen hatte, wurde das für mich zum Studienfall, was bedeutete, dass ich mir Fachliteratur beschaffte und lernte. Nix da mit Romanen. Höchstens mit wenigen herausragenden Werken.

Die katholische Kirchenzeitung hat mich einige Jahre um Mitarbeit gebeten, ihr evangelisches Pendant "Der Weg", bis das Magazin eingestellt wurde. Diese Zusammenarbeit kam zustande, weil in der Düsseldorfer Kirchen- und Redaktionsleitung meine Texte für die RP gelesen wurden und sich eines Tages bei mir jemand mit einer Anfrage meldete.

Natürlich übernahm ich die neuen Aufgaben. Für Musik habe ich am meisten dazugelernt bei Aufenthalten in der Kölner Musikhochschule und während der herbstlichen Festwochen im toskanischen Städtchen Montepulciano, wo Professor Dr. Werner Lohmann die Internationale Akademie für Musik und Darstellende Kunst, eine Ausbildungsstätte für musikalisch Hochbegabte, gegründet hat. Diese Akademie ist ein "An-Institut" der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Professor Lohmann wohnt seit etlichen Jahren schon in Wesel.

Die Zeitung ist mein Job. Sie hält mich wach, auch mit meinen jetzt 90 Jahren noch. Das Allerbeste ist, dass es manchmal möglich ist, mit Zeitungsarbeit eine Sache ganz beiläufig zum Gelingen zu befördern. Also werde ich weitermachen. Weil ich gerne schreibe.

Quelle: RP
 
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