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Theaterintendant Michael Grosse
Eigentlich müsste man jetzt Euripides spielen

Theaterintendant Michael Grosse: Eigentlich müsste man jetzt Euripides spielen
FOTO: Ilgner Detlef (ilg)
Willich. Michael Grosse, Generalintendant der Städtischen Bühnen, spricht über das Publikum am Nieder-rhein, die Sorge vor dem nächsten Tarif-abschluss und Ge-meinsamkeiten von Fußball und Theater.

Wenn ich mir dieses Jahr nur ein einziges Stück im Theater anschauen wollte - zu welchem würden Sie mir raten?

Michael Grosse Das Lampedusa-Projekt, weil es ein Glücksfall ist, das Theater so unmittelbar auf Zeitgeschehen reagieren kann. Es geht um das Thema Asyl in Europa. Das wird nicht nur, aber eben auch wegen der Aktualität sehr spannend. Denn es geht um die Fragen, die gerade unsere Gesellschaft beschäftigen. Ende Mai ist die Premiere in Krefeld, im Herbst wird das Stück in Mönchengladbach zu sehen sein.

Welchen Klassiker müsste man angesichts der Zeitläufe jetzt eigentlich dringend ins Programm nehmen?

Grosse Als erstes fallen mir die antiken Stoffe ein: Euripides zum Beispiel. Aber das Thema Fremdsein ist sowieso eines der klassischen in der Bühnenliteratur. Dazu gibt es viel Passendes, auch Komödien.

Die Spielzeit begann wie immer mit hoher Schlagzahl an Premieren - und mit einer Preiserhöhung. Wie haben die Besucher das aufgenommen?

Grosse Wir haben bis heute keine einzige Kündigung von Abonnenten mit der Preiserhöhung als Begründung bekommen. Allerdings liegen wir auch mit den neuen Preisen im Mittelfeld der nordrhein-westfälischen Theater. Zum zweiten Mal in Folge ist die Zahl unserer Abonnenten im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen.

Warum ist es so schwer, die 25- bis 45-Jährigen ins Theater zu bekommen?

Grosse Das ist eine Zielgruppe, an der alle ziehen wie im Kaukasischen Kreidekreis. In diesem Alter sind viele durch Familie und Beruf stark gefordert. Deswegen gehen sie eher nicht so oft raus - und wenn sie es dann mal tun, dann suchen viele das große Event. Bei uns finden sie das dann zum Beispiel bei der "Rocky Horror Picture Show" oder in "Das Geheimnis des Edwin Drood".

"Das Geheimnis des Edwin Drood" ist ein interaktives Stück, bei dem die Zuschauer den Täter bestimmen - funktioniert das?

Grosse In Krefeld hat es sehr gut funktioniert. Wobei für uns überraschenderweise oft dieselbe Person zum Täter gewählt wurde. Ich glaube, dass auch einiges über Facebook ausgetauscht wurde und es irgendwann die Erwartungshaltung gab. Dabei gibt es im Stück eine Reihe zwielichtiger Gestalten. Und es wird am Ende jedes Abends tatsächlich ausgezählt, wen die Zuschauer gewählt haben. Da ist nichts gefaked.

Sie haben ganz im Norden und ganz im Osten Deutschlands Theater gemacht. Wie anders sind die Zuschauer ganz im Westen?

Grosse Was ich am Niederrhein sehr schätze, ist der Gute-Laune-Vorschuss, den uns die Besucher geben. Egal, um welchen Stoff es geht, die Leute haben erst einmal Vertrauen zu uns. Und um das zu verspielen, muss man sich dann schon ziemlich dumm anstellen. Theater ist nie eine Einbahnstraße. Jeder Abend ist unwiederbringlich. Das hat auch mit den Reaktionen des Publikums zu tun, die ein Ensemble beflügeln können. Dieses Wechselspiel funktioniert hier besonders gut.

Es gibt viele Schauspieler, Sänger und Tänzer, die seit langem zum Ensemble gehören. Wie wichtig ist diese Kontinuität für das Gemeinschaftstheater?

Grosse Sie ist das A und O. Das Ensemble ist der Star. Das bedeutet auch: Jeder hat in einer Spielzeit mal eine Rolle, in der er herausstechen kann - und welche, wo er die Manege kehrt, mich inbegriffen. Und es bedeutet, dass die Zuschauer die Entwicklung eines Schauspielers oder Sängers über längere Zeit verfolgen können. Der Zuschauer kann sich also von "seinem" Schauspieler auch mal überraschen lassen. Das ist mir viel lieber, als für einzelne Rollen vermeintliche Stars einzukaufen, deren Gesichter man aus dem Fernsehen kennt. Einmal abgesehen davon, dass wir uns die gar nicht leisten können.

Sie haben versucht, mehr Sponsoren für das Theater zu gewinnen. Mit welcher Erfahrung?

Grosse Man kommt sehr schnell am Ende der Fahnenstange an. Wir haben unsere Einnahmen aus diesem Bereich in kurzer Zeit verdoppelt - allerdings mit unverhältnismäßig hohem Aufwand. Es klappt nicht immer, die Erwartungen miteinander in Einklang zu bringen. Wenn uns zum Beispiel ein potenzieller Sponsor anbietet: Ich bezahle Euch einen Abend mit Anna Netrebko, weil er die so gerne mal in Rheydt sehen würde, sagen wir möglicherweise: Ehrlich gesagt lassen wir die Rolle viel lieber von Izabela Matula singen. Es gibt aber wunderbare Beispiele für Partnerschaften. Unser ganzes Opernstudio wird komplett privat finanziert, zum Teil von Spendern, die nicht einmal genannt werden möchten. 60.000 Euro kommen auf diese Weise pro Jahr zusammen. Das bereichert unser Haus enorm.

Haben Sie Schweiß auf der Stirn, wenn Sie an den nächsten Tarifabschluss denken?

Grosse Ehrlicherweise: ja. Die Personalkosten sind nicht nur der mit Abstand größte Posten im Etat, sondern er ist an dieser Stelle von uns nicht zu beeinflussen. Wir haben wie jedes Jahr 2,0 Prozent an Tarifsteigerung kalkuliert. Wird es zum zweiten Mal hintereinander deutlich mehr, haben wir ein Problem.

Ist die Finanzsituation noch heikler als 2010, als Sie als Generalintendant begannen?

Grosse Ja - allerdings gibt uns die neue Rechtsform die Möglichkeit, deutlich mehr zu agieren und zu reagieren. Wir können zusätzliche Kosten auf mehrere Haushaltsjahre verteilen, können systematisch haushalten. Darum liegt es mir fern zu klagen, erst recht, weil ich um die Haushaltssituation der beiden Städte Mönchengladbach und Krefeld weiß. Allerdings muss ich ehrlicherweise auch sagen: Was wir einsparen, geht seit längerem zu Lasten der Beschäftigten. Man kann für ein paar Jahre dieselbe Leistung mit weniger Personal stemmen. Dauerhaft geht das nicht. Das haben uns ja die externen Gutachter von Actori auch bescheinigt.

Sie sind öfter als Zuschauer im Borussia-Park. Wie schauen Sie die Spiele im Stadion? Leidenschaftlich? Fluchend? Den Schiedsrichter beschimpfend?

Grosse Parteiisch jedenfalls. Ich singe die "Elf vom Niederrhein" laut mit. Dieses Gemeinschaftserlebnis, dass alle am selben Ort zur selben Zeit dasselbe tun, ist übrigens eine Parallele zwischen Fußballstadion und Theater. Ich bleibe als Zuschauer aber fair, erkenne auch die Leistung des Gegners an. Gerne konstatiere ich: Die haben eine richtig gute Mannschaft - aber gegen uns hat es trotzdem nicht gereicht.

Wie halten Sie sich fit?

Grosse Ich koche nicht nur leidenschaftlich, sondern esse und trinke auch gern. Darum bin ich leider nicht der Allerschlankste und achte deswegen darauf, fit zu bleiben. Ich fahre viel Rad und wandere.

Hält auch Theaterspielen fit?

Grosse Definitiv. Die Herausforderung tut gut.

Werden Schauspieler im Alter wie ein reifer Wein besser?

Grosse Reife ist ein wichtiger Faktor bei Kunst. Wobei es am Ende immer um Leistung und nicht um Lebensjahre geht. Der junge Absolvent der Schauspielschule gibt dem reiferen Künstler Impulse. Gleichzeitig ahmt der junge Kollege die reiferen nach, er schaut sich Techniken und Handwerk ab. Das ist also ein Wechselspiel.

RALF JÜNGERMANN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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