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Serie Vor 70 Jahren
Schiefbahn: Rücktritt des gesamten Gemeinderates

Wie verzweifelt die Lage in der zweiten Jahreshälfte Lage war, wurde nirgendwo so deutlich wie in einem spektakulären Schritt des Gemeinderates von Schiefbahn, der aus 13 Vertretern der CDU und zwei SPD-Mitgliedern bestand. Im November 1947 traten sie geschlossen zurück. Zur Begründung hielten sie fest: "Nicht feige Flucht aus der Verantwortung, sondern die klare Erkenntnis ihrer Ohnmacht, als politische Vertreter des Volkes unter den aufgezwungenen Verhältnissen weiterhin sinnvoll im Interesse der Bürger arbeiten zu können, zwingen die Fraktionen des Gemeinderates, das Amt als gewählte Volksvertreter niederzulegen." In der Bevölkerung stieß dieser Schritt auf Verständnis. Da aber eine Zustimmung der Militärregierung nicht vorlag, war der Rücktritt der Schiefbahner Gemeindevertretung nichtig. Unmittelbarer Anlass war übrigens die "ständige Zuweisung neuer Flüchtlinge, die z. T. aus der russischen Zone kämen und unter denen sich viele zweifelhafte Elemente befänden." Im Dezember hieß es dann, dass die Schiefbahner ihren "Streik" abgebrochen hätten, wobei nochmals der Anlass benannt wurde: "eine Art Demonstration gegen die neue Einschleusung von Flüchtlingen in den überbevölkerten Kreis". Durchgängig sind in den Berichten Feststellungen zu finden, dass die Beseitigung des Mangels in allen elementaren Bereichen des Lebens 1947 das alles beherrschende Thema war. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass Fragen der großen Politik oder auch der Verlauf von KZ-Prozessen weit weniger Interesse fanden als die drängenden Alltagsprobleme.

Mühsam kam die Entwicklung der Parteien voran. Einerseits sind tiefe weltanschauliche Gräben zwischen christlich geprägten und marxistisch orientierten Parteien Gegenstand der politischen Auseinandersetzung, andererseits waren auch in den Parteien die Sorgen über die Bewältigung des Alltags dominant. Der heute bisweilen zu hörende Ruf nach Unterscheidbarkeit der Parteien, war den Menschen fremd angesichts eines auch vor Ort mit Händen zu greifenden Kampfes der Weltanschauungen. Ohne Zurückhaltung nannte Oberkreisdirektor Feinendegen auf das Misstrauen gegenüber den Engländern beim Namen. Im September schrieb er unverblümt; "Die Stimmung gegenüber der Besatzung ist weiterhin schlecht. Sie wurde örtlich noch verschärft durch Häuserbeschlagnahmungen zu Gunsten englischer Familien." Der letzte Bericht Feinendegens aus dem Jahre 1947 schließlich enthält Anklänge an heutige Gegebenheiten: "Die Lösung des Flüchtlingsproblems, vor allem die Unterbringung des illegalen Flüchtlingszustroms wird als eine notwendige Voraussetzung für den Wiederaufbau angesehen."

(plp)
 
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