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Serie Ferienalphabet: T Wie Tanztee
Wo Herzen im Gleichtakt schlagen

Serie Ferienalphabet: T Wie Tanztee: Wo Herzen im Gleichtakt schlagen
Tanztee mit den "Evergreens" im Mai 2015 im Haus Wiesengrund in Kempen. FOTO: WOLFGANG KAISER
Willich. Gut 150 Jahre lang erfreute er sich großer Beliebtheit, der Tanztee. Heute wird er kaum noch angeboten, dabei bietet er die Chance, sich im Paartanz zu üben, eine neue Liebe zu finden und viel Spaß zu haben. Von Stephanie Wickerath

Kempen Als meine Oma eines Tages im Fernsehen erklärt bekam, dass "die jungen Leute heutzutage" in der Disco nicht mehr zusammen tanzen, sondern jeder, dem das Lied gefällt, einfach auf die Tanzfläche geht und sich ohne Partner zum Rhythmus bewegt, war sie sehr besorgt um ihre Enkelin. "Wie willst du denn da jemals einen netten Jungen kennenlernen?", fragte sie die 16-Jährige, die sich zu dieser Zeit zufällig mit derselben Frage beschäftigte.

"Bei uns damals, beim Tanztee", schwelgte die Oma in Erinnerung, "da kamen die Männer zu uns hin und baten höflich um einen Tanz. Und wenn mir einer gefiel, dann habe ich eingewilligt." Anschließend habe der junge Mann sie zurück zu ihrem Tisch gebracht, wo die kichernden Freundinnen warteten. Manchmal gab es dann eine Zeit lang Blickkontakt und wenn der nicht einseitig war, dann gab es auch schon mal einen zweiten Tanz. "So habe ich auch deinen Opa kennengelernt", erzählt die Oma noch.

Der Tanztee; wie viele Herzen mag er zusammengebracht haben und wie viele gebrochen? Anfang des 19. Jahrhunderts kam er in England auf, der "Tea Dance". In den bürgerlichen Häusern wurde die gute Stube leergeräumt und Menschen im Alter der eigenen, flügge gewordenen Kinder, wurden eingeladen. Zur Teezeit um 17 Uhr startete das private Vergnügen, bei dem Tee getrunken, Appetithäppchen gereicht und Tanzmusik gespielt wurde, was den jungen Menschen im prüden England die Gelegenheit gab, sich körperlich näher zu kommen.

Alles in allem war der Tanztee eine zwanglose Möglichkeit für junge Leute, Gleichaltrige kennenzulernen und für die Eltern, die Tanzpartner der Kinder im Auge zu halten. Von England schwappte das nachmittägliche Vergnügen auf den Kontinent über. Die große Blüte hatte die Veranstaltung in den 1920er Jahren, als Tango-Musik auch in Westeuropa populär wurde.

Während in England Cocktailpartys den Tanztee in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ablösten, blieb er in Deutschland noch bis in die 1960er Jahre hinein beliebt. Längst waren die Privatveranstaltungen von kommerziellen Häusern übernommen worden, die sich "Waldesruh" oder "Tante Lucie" nannten und sonntagnachmittags zum Tanzvergnügen luden. Die Eltern hatten die Kontrolle verloren, die "Kinder" gingen alleine.

Die Männer hatten Pomade in den Haaren, die jungen Frauen toupierte Dauerwelle. In eng anliegenden Anzügen, beziehungsweise weiten Röcken schwangen sie das Bein zu Rock'n'Roll-Rhythmen und den Hits der Beatles. Der Übergang vom Tanztee im "Haus Waldesruh" am Nachmittag zur Disco mit glitzernder Kugel am Abend war nahtlos. Der Tanztee hatte sich nach gut 150 Jahren überlebt, die jungen Leute gingen lieber abends aus und übten sich fortan im individuellen Ausdruckstanz, denn im Paartanz. Aber hin und wieder gibt es ihn noch, den klassischen Tanztee am Nachmittag. Der Tanztreff bietet ihn an und auch in einigen Altenheimen steht er ab und zu auf dem Programm. Und: Im "Odeon" in Krefeld, da boomt er richtig, der Tanztee. Jeden Donnerstag und jeden Sonntag legt DJ Josef ab 14.30 Uhr auf, außerdem spielt eine Live-Band. Noch sind es vor allem Senioren, die die Veranstaltung besuchen, aber wer weiß, vielleicht entdeckt auch die Jugend den Tanztee wieder und dann muss sich um Omas Urenkelin niemand Sorgen machen.

Quelle: RP
 
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