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Xanten
Herberge der Hoffnung schenkt neues Leben

Xanten. In der Fazenda da Esperança im ehemaligen Kloster Mörmter führen neun Männer einen täglichen Kampf gegen die Sucht. Von Heidrun Jasper

"Mut brüllt nicht immer laut. Manchmal ist es die leise Stimme am Ende eines Tages, die sagt: Morgen werde ich es wieder versuchen."

Mary Anne Rademacher

Er hat Hilfe gesucht und angeklopft an der Tür der Fazenda da Esperança, dem Hof der Hoffnung. Und Moritz Bucher, Leiter des Hofes, hat ihm aufgemacht, hat Peter Z. (Name von der Redaktion geändert) willkommen geheißen im ehemaligen Kloster Mörmter, das für den 49-Jährigen nach vielen Entgiftungen letzter Ausweg war, von seiner Alkoholsucht loszukommen. Er hat es geschafft, ist trocken geblieben, bekommt dafür am 20. Januar sein Diplom. Rekuperation nennt man das auf den Fazendas da Esperança.

Auch Frank Soons hat im Oktober letztes Jahres angeklopft an der Fazenda-Tür, auch er alkoholsüchtig und wie Peter Z. immer wieder rückfällig geworden nach den Therapien. Auch der Belgier (47) hat den Weg aus der Sucht gefunden, hat im November seine Rekuperation erhalten. Er ist froh, nach vier Wochen Urlaub in der Heimat wieder in Mörmter zu sein. "Es war schön, mal weg zu sein. Aber ich habe auch gemerkt, dass es nicht so einfach ist da draußen. Die Aggressivität, Menschen, die nicht miteinander reden: Ich habe gespürt, dass mein Weg noch nicht klar ist, dass ich die Gemeinschaft brauche."

In der Fazenda sei man aufgehoben, sagt er. "Ich bin ruhiger geworden, habe mich verändert. Was ich hier lebe und erlebt habe, ist unbezahlbar." Er möchte bleiben, um anderen zu helfen, den starken Gegner Sucht zu bekämpfen. Gern würde er in der Fazenda in Belgien wirken, die nächstes Jahr aufgebaut wird.

Peter Z. hat einen anderen Lebensplan. Er macht nach der Rekuperation vier Wochen Urlaub bei einem Freund in der Nähe. Von dort aus will er seine Eltern besuchen, viel mit seiner Tochter (16) und seinem Sohn (19) unternehmen, zu dem er endlich wieder Kontakt hat, der wieder die Nähe zum Vater sucht, seit der in der Fazenda da Esperança lebt. "Ich habe eine Riesenfreude an meinen Kindern. Wir fangen wieder an, eine Beziehung zu haben." Nach dem Urlaub will Peter Z. zurückkommen und "gucken, wie es weitergeht". Er möchte sich eine Wohnung suchen, eine Umschulung machen. Der studierte Sozialarbeiter kann sich vorstellen, in einer Verwaltung oder im Krankenhaus zu arbeiten.

Beide wissen, dass sie ihr Leben lang gefährdet sind. "Ich muss jeden Tag die Entscheidung treffen, trocken zu bleiben. Ich weiß genau: Wenn ich hier rausgehe und die erste Flasche Bier aufmache, ist das mein Todesurteil. Dann gibt es nur einen Weg: den nach unten." Peter Z. macht sich nichts vor: "Du wirst gesteuert vom Alkohol." Frank Soons nickt. "Ich bin seit zwei Jahren trocken, aber mir ist bewusst, dass ich Alkoholiker bin". Auch er hat wieder Lust auf Leben, hat durch die Fazenda eine Lebensqualität erreicht, die großartig sei. Als er im Oktober nach Mörmter gekommen ist, sei er oft drauf und dran gewesen, seine Tasche zu packen und abzuhauen. Er ist geblieben.

Dass Moritz Bucher im Januar die Leitung des Hofes der Hoffnung übernommen hat, bezeichnet er als Glücksfall. "Moritz ist unser Bruder, unser Vorbild".

Das freut den 40-Jährigen, der beide Männer das ganze Jahr über bei ihrem Kampf begleitet hat. Er weiß ganz genau, wie schwer dieser Kampf ist: Auch Bucher war alkohol- und drogenabhängig, 18 Jahre lang, hat viele Therapien gemacht, ist immer wieder rückfällig geworden. "Die Familie - er kommt aus Mannheim - wollte nichts mehr mit mir zu tun haben."

Seine letzte Entgiftung hat Moritz Bucher in einer Klinik in Stuttgart gemacht. "Da habe ich jemanden getroffen, mit dem ich früher Fußball gespielt habe. Er hat mir den Tipp gegeben, zu einer Fazenda zu gehen." Den Rat hat er angenommen: Moritz Bucher klopfte an der Fazenda Gut Bückenried in Irsee im Allgäu an. "Da stand ich mit meinen zwei Plastiktüten, wurde mit den Worten empfangen: ,Schön, dass du da bist'."

Wie Peter Z. und Frank Soons hat Moritz Bucher durchgehalten, ein Jahr dort gelebt, ein weiteres Jahr auf einer Fazenda in Brasilien, wo er auch Romina Miot kennengelernt hat, die als Freiwillige auf einer Frauen-Fazenda arbeitete und mit der er heute verheiratet ist. Die beiden wohnen in der Fazenda da Esperança in Mörmter, sind Familie geworden nicht nur für Peter Z. und Frank Soons, sondern auch für die sieben anderen Männer zwischen 20 und 70 Jahren, die zur Zeit dort in spartanisch eingerichteten Doppelzimmern leben.

Männer, die Alkohol- und Drogenprobleme haben, starke Depressionen haben, die sich an Regeln halten müssen: kein Alkohol, keine Drogen, kein Nikotin, kein Handy, kein Fernseher. Um 6.30 Uhr wird gefrühstückt, um sieben in der Kapelle gebetet (Anwesenheitspflicht!), das Tagesevangelium gelesen, aus dem man auch das Wort aussucht, das einen den Tag über begleitet. "Als Erster leben" zum Beispiel. Oder "nicht urteilen". Dann wird gearbeitet, bis 16.30 Uhr: Holz hacken, kochen, putzen, Wäsche waschen, die Tiere versorgen, am Wochenende im Hofcafé Gäste bewirten, Jugendgruppen, die zu Besuch kommen, begleiten und ihnen vom Leben auf der Fazenda aber auch von der eigenen Sucht erzählen. Um 18 Uhr gibt es Abendessen, danach sitzt man im Wohnzimmer zusammen, jeder kann, muss aber nicht, von sich oder dem, was ihn beschäftigt, erzählen.

Mal eben die Jacke anziehen und in die Stadt gehen? Nein. "Jeder ist freiwillig zu uns gekommen. Wer sich dafür entschieden hat, hier zu leben, muss sich an die Regeln halten", sagt Moritz Bucher. Und die besagt auch, dass man zwar das Gebäude, nicht aber das Gelände verlassen darf. "Viele Bewohner konnten mit der Freiheit ja gar nicht umgehen".

Es sei ein Luxus, in einer Fazenda zu leben, sich auf sich selber konzentrieren zu können, Zeit zu haben, über sein Leben nachzudenken. Peter Z. nickt zustimmend. Auch Frank Soons hat sehr viel im Hof der Hoffnung, gelernt. Das Gute in den Menschen zu suchen beispielsweise, bewusst zu leben, Entscheidungen zu akzeptieren, um Entschuldigung bitten zu können. Und immer wieder neu anzufangen, auch wenn es mal Krach gibt.

Quelle: RP
 
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