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Leichtathletik
Läufer im Rausch der Geschwindigkeit

Leichtathletik: Läufer im Rausch der Geschwindigkeit
Start zum Citylauf in Geldern, bei dem Tim Schüttrigkeit (Start-Nr. 1277) einem ungefährdeten Start-Ziel-Sieg entgegenlief. Dabei drückte er seine Bestzeit über zehn Kilometer auf 32:20 Minuten. FOTO: Thomas Binn (Archiv)
Alpen/Moers. Tim Schüttrigkeit von der LG Alpen gehört zu den schnellsten Läufern seines Jahrgangs in Deutschland. Der 18-Jährige wird sich am letzten Tag im Juli bei der U20-DM in Jena ein weiteres Mal aufs nationale Parkett wagen. Von Reinhard Pösel

Vor wenigen Wochen an der Geschwister-Devries-Grundschule in Uedem: Vor der Schule endet der Zielkanal des Uedemer Volkslaufes. Am gegenüberliegenden Straßenrand kämpft Streckensprecher Laurenz Thissen mit der tief stehenden Sonne. Seine mitlaufende Stoppuhr hat die 15 Minuten gerade hinter sich gelassen. Lange kann es also nicht mehr dauern, bis die Spitze des Fünf-Kilometer-Feldes auftaucht.

Und tatsächlich: Wie schon im vergangenen Jahr ist es auch diesmal wieder Tim Schüttrigkeit, dem Thissen mit Worten voller Superlative auf der leicht ansteigenden Zielgeraden einen roten Teppich ausrollt. Nach 15:36 Minuten löst der groß gewachsene Athlet, dessen Muskeln von nicht einem Gramm Fett überzogen sind, die Zielelektronik aus. Zwölf Monate vorher hatte er auf dem Straßenkurs in der Schustergemeinde noch 15:56 Minuten benötigt. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie rasant sich der 18-Jährige, der erst im Oktober seinen Geburtstag feiert und somit zu den Jüngeren seines Jahrgangs zählt, innerhalb eines Jahres verbessert hat. War er seinerzeit glücklich darüber, die 16-Minuten-Marke überhaupt unterboten zu haben, ist er heute fast eine halbe Minute schneller unterwegs. Die Konstanz, in der sich Schüttrigkeit in diesem Leistungsbereich bewegt, ist beeindruckend.

Schüttrigkeit selbst macht seine sportliche Entwicklung an einer anderen Veranstaltung fest: dem Gocher Steintorlauf. Das ist vielleicht auch gar nicht einmal überraschend, denn schließlich hat er in Goch den größten Teil seines Lebens verbracht. In Moers geboren, ist er nach der Trennung seiner Eltern mit der Mutter nach Goch umgezogen. Bereits vom ersten Schuljahr an, glaubt Schüttrigkeit sich zu erinnern, sei er regelmäßig zum Training der Viktoria-Leichtathleten gegangen. Deshalb ist der Steintorlauf für ihn mehr als nur irgendein Volkslauf. Zumal sich Start und Ziel seit drei Jahren im Hubert-Houben-Stadion befinden, wo Schüttrigkeit eine Vielzahl von Trainingseinheiten abgespult hat.

Sie alle haben letztendlich zu den drei Etappen geführt, deren Fünf-Kilometer-Zeiten in einem Diagramm eine steil nach oben zeigende Kurve ergeben würden: 16:57 Minuten im Jahr 2013, 15:59 Minuten zwölf Monate später und zuletzt 15:28 Minuten. Schüttrigkeits diesjährige Zeit muss man vor dem Hintergrund sehen, dass er nicht einmal 24 Stunden vorher seine Bestzeit bei einem Bahnrennen am Uerdinger Löschenhofweg auf kaum glaubliche 15:02 Minuten geschraubt hatte. Schließlich kam er von einer Bahnzeit von 15:37 Minuten, womit er bei den Kreismeisterschaften in Oberhausen im Frühjahr die U20-Norm für die Deutschen Meisterschaften klar unterbot. In der aktuellen Jahresbestenliste über diese Distanz gehört Schüttrigkeit zu den besten zehn U20-Athleten.

Je älter Schüttrigkeit wurde, desto stärker rückten die Laufdisziplinen in den Vordergrund. "Unter Trainer Dirk Kopp waren es in meinen letzten Viktoria-Jahren die Mittelstrecken", erinnert sich der 18-Jährige, der seinen Lebensmittelpunkt mit Beginn seiner Ausbildung zum Chemikanten nach Moers verlagert und sich der LG Alpen angeschlossen hat. "Ich laufe immer noch für Alpen, trainiere aber seit Dezember beim VfL Repelen unter Trainer Gerd Albl. Er berät mich bei der Trainingsplangestaltung", berichtet Schüttrigkeit, der einen leicht nachvollziehbaren Grund für den Ortswechsel nennt. "Meine Freundin trainiert auch dort."

Am liebsten bestreitet Schüttrigkeit Rennen auf der Straße. Fünf und zehn Kilometer sind seine Lieblingsdistanzen. Das schließe aber nicht aus, dass er sich hin und wieder auch auf die Rundbahn begebe, sagt er. Mitte Februar startete er in Neubrandenburg bei den deutschen Jugend-Hallenmeisterschaften über 3000 Meter. 8:57,78 Minuten brachten ihm bei seinem ersten DM-Start den siebten Platz ein. Dass die Spitzenleute in seiner Altersklasse über diese Distanz noch einmal eine halbe Minute schneller sind, mache ihm nichts aus. "Damit kann ich umgehen, schließlich sind dort die besten Läufer aus Deutschland versammelt", argumentiert Schüttrigkeit.

Er laufe am liebsten sein eigenes hohes Tempo und möchte dem Optimum in jedem Rennen möglichst nahe kommen. Das sei bei Deutschen Meisterschaften nicht anders als bei Straßenläufen. Allerdings müsse er bei einer DM aufpassen, sich von der besseren Konkurrenz nicht aufs Glatteis locken zu lassen, weiß Schüttrigkeit um die Besonderheit der Bahnrennen auf höchster nationaler Ebene. "Man ist nervöser und steht noch mehr als sonst unter Adrenalin - da ist die Gefahr groß, zu überpacen."

Am letzten Tag im Juli wird sich Schüttrigkeit bei der U20-DM in Jena ein weiteres Mal aufs nationale Parkett wagen. 5000 Meter will er dort laufen. Bei seiner momentanen Leistungsstärke und Ausdauerhärte ist er bei der DM mehr als nur ein Mitläufer. Die 15:02 Minuten von Uerdingen stellen ihm eine exzellente Visitenkarte aus.

Wenn der 18-Jährige über sein Training erzählt, bekommt man als staunender Zuhörer ein Gefühl dafür, woher die Leistungen kommen: 120 Kilometer läuft Schüttrigkeit in jeder Woche, mitunter zwei Einheiten am Tag - eine davon schon frühmorgens vor der Arbeit. An sechs Tagen in der Woche absolviert er neun Einheiten. "Dabei höre ich auf meinen eigenen Körper", betont der Langstreckler, der damit ausdrücken will, dass er den Trainingsplan nicht gedankenlos herunter knüppelt. "Es gibt Tage, da ist man am Abend müde. Da macht es keinen Sinn, stur nach den Vorgaben zu gehen." Flexibilität sei für ihn wichtig, betont der DM-Teilnehmer, der eben Spaß am schnellen Laufen und dabei das Glück hat, von Verletzungen verschont geblieben zu sein und auch nicht in irgendeiner Form besondere Rücksicht auf die Ernährung nehmen muss. "Ich esse, was mir schmeckt." So einfach können manche Rezepte sein. Und ganz so schlecht ist Schüttrigkeit mit all dem bisher nicht gefahren.

Quelle: RP
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