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Foto-Mahnmal
Was uns das Bild des toten Jungen lehrt

Diese Fotos bewegten die Welt
Diese Fotos bewegten die Welt FOTO: Nilüfer Demir/Dogan News Agency/AFP
Düsseldorf. Fotos wie das des toten syrischen Jungen am türkischen Strand sind schrecklich. Sie vereinen die Menschen in Trauer. Und in dieser gemeinschaftsstiftenden Wirkung liegt ihre Bedeutung. Von Philipp Holstein

Dieses Foto wird uns ein Leben lang begleiten, das Foto des Jungen Aylan Kurdi, der am Strand von Bordum in der Türkei liegt. Er war erst drei Jahre alt, er starb auf der Flucht aus Syrien, und sein Bild ist binnen weniger Tage zum Symbol für die größte Katastrophe der Gegenwart geworden: Da liegt unsere Zukunft, und sie ist tot.

Das Traurige ist, dass der Mensch solche Bilder braucht, weil erst sie ihm vor Augen führen, wie schlimm die Lage wirklich ist. Wir sind mit einem unverwüstlichen Grundvertrauen in alles Sichtbare auf die Welt gekommen: Relevanz entsteht durch Visualisierung. Bilder wirken für uns wie Schlagworte in einem komplizierten Text, sie verwandeln hochkomplexe gesellschaftliche und historische Vorgänge in einen einzigen permanenten Ausdruck.

Bilder wie das des kleinen Aylan wirken wie Schocks, wie Epiphanien, wie ein von einem Blitz grell ausgeleuchteter Moment der Erkenntnis. Wer kein Herz aus Stein hat und einen Verstand aus Marmelade, begreift mit Hilfe dieses Bildes, dass die Welt gerade ziemlich schief in den Angeln hängt.

Man kann sich den Raum in unserer Seele, den man Gewissen nennt, als Bildergalerie vorstellen. Dort hängen Aufnahmen von individuellen Erlebnissen, und da hängen die berühmten Bilder, in denen die großen Krisen eingefroren sind. Das nackte Mädchen, das in Vietnam vor Angst schreiend davon rennt. Der Soldat, der über den Stacheldraht von Ost- nach West-Berlin hüpft. Die Kinder, die in Berlin zur Zeit der Luftbrücke auf den Rosinenbomber warten. Willy Brandt, der am Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau kniet. Das afghanische Flüchtlingsmädchen mit den grünen Augen. Das Flugzeug, das in die Zwillingstürme rast.

Diese Bilder sind Mahnmale, Foto-Denkmäler, und sie helfen, dass wir gegen die Wirklichkeit nicht verstocken. Diese Bilder wirken wie ein Konzentrat, sie erzählen eine Geschichte in nur einer Szene, und sie verändern unsere Wahrnehmung. Wer das Bild von Aylan zum ersten Mal sah, mag zunächst das Falsche angenommen haben, das Gute nämlich, das Gewohnte: Strand gleich Paradies, Kind gleich Unschuld. Aber dann sah man genauer hin, und alle Gleichungen waren null und nichtig und der Glaube ans Gute kaputt. Überhaupt war alles kaputt, nachdem man dieses Bild gesehen hatte. Es ist nichts mehr sicher, wenn der Gedanke an den Ort, an dem man bislang die Seele baumeln ließ, einem plötzlich das Herz bricht. Mittelmeer gleich Tod, so geht die Gleichung. Dieses Bild ist der Wendepunkt.

Es liegt indes auch ein Potenzial in dieser Aufnahme. Denn als Betrachter sind wir alle gleich. Wir sind alle gleich erschüttert und gleich traurig. Das Bild vereint die Menschen, es stiftet Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft ist stark, weil sie von vielen gebildet wird, und die Kraft der Trauernden muss nun darauf verwendet werden, Menschen zu beschützen und weitere Tote zu verhindern. Menschsein, das lehrt dieses Bild, bedeutet nicht, Europäer zu sein oder Syrer oder arm oder reich. Menschsein bedeutet Schmerz über den Tod dieses Jungen empfinden zu können. Und im Schmerz sind alle Menschen gleich.

Wer das Bild vergisst, hat es nicht gesehen. Das Bild wird bleiben, und es wird mahnen, dass wir unserer Verantwortung gerecht werden. Der Verantwortung Aylan gegenüber: Dass wir zusammenstehen und das Problem lösen.

Fremdsein bedeutet, dass man keine Lücke hinterlässt, wenn man geht. Aylan ist tot, und alle vermissen ihn. Er fehlt. Er war einer von uns.

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