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Menschen müssen "Büßer-Karten" tragen
Die bizzare Bürokratie des IS-Terrors

IS: Die bizzare Bürokratie des Terrors - Menschen tragen "Büßer-Karten"
Der Iraker Salim Ahmed in Eski Mossul zeigt seine "IS-Büßerkarte". FOTO: ap
Eski Mossul. Auch der Terror und religiöse Furor benötigt eine Bürokratie: Wer nach Ansicht des IS-Regimes in "ketzerische Aktivitäten" verwickelt ist, muss eine Schuldeingeständnis-Karte mit sich tragen. Kleidungs- und Verhaltensvorschriften sind detailliert auf Dokumenten mit dem Banner und Logo des "Islamischen Staates" festgehalten.

Als die IS-Kämpfer im irakischen Dorf Eski Mossul einrückten, war das Schicksal von Buthaina Ibrahim besiegelt.
Die Menschenrechtsaktivistin blieb sich treu und wehrte sich dagegen, eine Schuldeingeständnis-Karte zu unterzeichnen und sich dem Terrorregime des Islamischen Staates zu unterwerfen. Sie zahlte mit ihrem Leben.

"Sie sagte, sie würde sich niemals so sehr erniedrigen lassen", erinnert sich Buthainas Mann Scheich Abdullah Ibrahim. Alles was ihm von seiner schmerzlich vermissten Frau blieb, ist deren Totenschein, ausgestellt vom IS: Auf dem Blatt Papier prangt die Unterschrift eines Richters unter der Aussage, dass der Tod von Buthaina Ibrahim bestätigt wird. Wo die Leiche hingeschafft wurde, weiß der Witwer nicht.

Unter der Herrschaft der Terrormiliz wurde das Leben in Eski Mossul ab Juni 2014 zur Hölle, geregelt in detaillierten Verhaltensvorschriften. In ihrem Kalifat verlangen die Islamisten absoluten Gehorsam. Wer sich wehrt, als gefährlich gilt oder als nicht fromm genug, wird beseitigt. Zahllose Menschen verloren deshalb schon ihr Leben im IS-Gebiet.

Scharia-Recht wird streng ausgelegt

Bis zu acht Millionen Iraker und Syrer sind dem islamistischen Regime unterworfen. Es streckt seine Tentakel in jedes Eckchen des Lebens aus, um seine radikale Auslegung des islamischen Scharia-Rechts durchzusetzen. Frauen müssen von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt sein, Geschäfte müssen während der Gebetszeiten geschlossen bleiben, und schon wenn ein Taxifahrer mit Musik aus dem Autoradio erwischt wird, drohen zehn Peitschenhiebe.

Auch Zigaretten sind verboten. Mit Kölnisch Wasser versucht so mancher Raucher, den Geruch zu übertönen, um bei den allgegenwärtigen Kontrollen nicht aufzufallen. Unliebsame Einwohner wie Buthaina Ibrahim oder auch ehemalige Polizisten und Soldaten müssen "Büßerkarten" mit sich tragen, die sie als Personen mit "ketzerischen" Aktivitäten ausweisen.

"Die Menschen hassen sie", sagt der Syrer Adnan über die IS-Miliz. "Aber sie haben aufgegeben, sie sehen keine Unterstützung, sollten sie sich widersetzen." Der 28 Jahre alte politische Aktivist nennt aus Furcht nur seinen Decknamen. Er selbst hat sich zwar aus dem IS-Gebiet gerettet, seine Familie harrt aber weiter dort aus.

"Die Menschen haben das Gefühl, dass ihnen niemand hilft", beklagt Adnan in der türkischen Grenzstadt Gaziantep im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Seine syrische Heimatstadt Rakka, die die Islamisten im Januar 2014 überrannten, sei nicht mehr wiederzuerkennen, berichtet er. Die einst lebenslustige kosmopolitische Provinzhauptstadt habe sich völlig verändert. Schwarz gekleidete Frauen huschten durch die Straßen, um schnell ihre Einkäufe zu erledigen. Manche Familien versuchten, ihre Häuser möglichst gar nicht mehr zu verlassen, um nicht den gefürchteten IS-Kontrolleuren zu begegnen.

"Platz der Hölle"

Der zentrale Platz der Stadt wird von Einwohnern mittlerweile Dschahim genannt - Platz der Hölle. Dort richtet die Terrormiliz Gefangene hin. Zur Warnung habe der IS auch schon Leichen tagelang hängen lassen, sagt Adnan. Ein Fußballstadion wurde zum Gefängnis und Verhörzentrum umgestaltet.

Bewaffnete Kontrolleure, die Hisbah-Komitees, patrouillieren auf den Straßen. Sie erschnüffeln Raucher, sie züchtigen ihrer Ansicht nach unschicklich gekleidete Frauen und erspähen Männer mit westlicher Kleidung oder Frisuren. Er habe einmal zehn Peitschenhiebe versetzt bekommen, weil er im Auto Musik gehört habe, erzählt Adnan.

Andere Flüchtlinge in Gaziantep und Sanliurfa sowie Einwohner von Eski Mossul berichten den AP-Reportern von ähnlichen Erfahrungen und Beobachtungen. Sie zeichnen ein Bild vom Kalifat als Bürokratie des Terrors. Vorschriften sind in allen Einzelheiten geregelt und auf Dokumenten mit dem Banner und Logo des IS festgehalten.

In Eski Mossul am Tigris können die Menschen inzwischen vorsichtig aufatmen. Kurdische Kämpfer befreiten den Ort nördlich von Mossul im Januar. Nicht alle aber trauen dem Frieden, denn die Islamisten leisten in nur wenigen Kilometer Entfernung weiter Widerstand. In Salim Ahmed ist die Angst so tief verwurzelt, dass er es nicht wagt, seine Schuldeingeständnis-Karte wegzuwerfen. "Wir leben sehr nahe an der Frontlinie", sagt er. "Eines Tages könnten sie zurückkommen und mich nach meiner Büßerkarte fragen."

(ap)
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