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Vatikanstaat
Kammerdiener bestahl den Papst

"Urbi et orbi 2012" - Papst fordert Ende der Gewalt in Syrien
"Urbi et orbi 2012" - Papst fordert Ende der Gewalt in Syrien FOTO: afp, GABRIEL BOUYS
Rom. Erst der erzwungene Rücktritt des Vatikanbank-Chefs, dann die Verhaftung des Kammerdieners von Papst Benedikt XVI. – die Vorgänge im  Kirchenstaat werden von Tag zu Tag abstruser. Nun ist ein Kardinal unter Verdacht geraten und ein anonymer Verschwörer der "Raben" hat sich zu Wort gemeldet. Von Julius Müller-Meiningen

Dichter Regen fällt auf den Petersplatz in Rom. Der Regen am Pfingstmontag könnte ein reinigender, befreiender Regen sein. Doch am Ende ist nur das Pflaster auf dem prächtigsten Platz der Christenheit besonders glitschig. Die Gläubigen und Touristen müssen aufpassen, nicht auszurutschen. Nicht anders geht es den Mitgliedern der Kurie selbst. Sie sind zwar im Trockenen, aber die Nachrichten, die in diesen Tagen aus dem Vatikan dringen, sind verheerend für das Bild der katholischen Kirche in der Welt. Intrigen und Verrat regieren hinter den Mauern des Apostolischen Palastes. Es ist ein Kampf jeder gegen jeden.

Am Freitag bekommt die Öffentlichkeit den ersten Schuldigen in der Affäre um gestohlene Geheimdokumente präsentiert. Es ist Paolo G., der Kammerdiener des Papstes. Seine Wohnung wird durchsucht, die Beamten der vatikanischen Gendarmerie finden Schubladen voller privater Notizen des Papstes, die eigentlich längst im Archiv des Staatssekretariats lagern müssten. Paolo G., der im Vatikan nur "Paoletto" gerufen wird und als einfältiger, untertäniger Diener des Papstes gilt, gehört seit 2006 zum engsten Kreis von Benedikt XVI. Hat "Paoletto" wirklich alleine gehandelt und vertrauliche Dokumente über interne Vorgänge des Heiligen Stuhls an Medien weiter gegeben oder hat er für Hintermänner gearbeitet, fragen sich viele. Unterdessen sitzt der dreifache Familienvater in einer der Zellen im Gebäude der Gendarmerie hinter den Mauern des Vatikans und wartet auf sein Verfahren.

Am Wochenende wird die Öffentlichkeit mit neuen Gerüchten gefüttert. Ein italienischer Kardinal soll der Auftraggeber des Kammerdieners sein, schreiben italienische Zeitungen. Die Rede ist auch von einer Frau, die für den Papst arbeitet und an der Verschwörung beteiligt sei. Vatikan-Sprecher Pater Federico Lombardi dementiert: "Die vom Heiligen Vater eingesetzte Kommission befragt auch Kardinäle, gegen diese wird aber nicht ermittelt", sagt er. Zur Aufklärung der Vorgänge und, um das Leck in den Mauern des Vatikans zu finden, hatte Benedikt XVI. vor vier Wochen den 82 Jahre alten spanischen Kardinal Julian Herranz Casado, führendes Opus-Dei-Mitglied, und zwei weitere Angehörige der Kurie beauftragt. Schon diese Vorgänge erinnern manche an den Plot eines Kriminalromans. Seit Anfang des Jahres bekamen italienische Medien Interna aus dem Vatikan zugespielt. Darunter sind persönliche Aufzeichnungen des Papstes, Notizen über ein Geheimtreffen mit dem italienischen Staatspräsidenten, es geht um Korruptionsvorwürfe, Missmanagement, eine Intrige gegen den ehemaligen Chefredakteur der Zeitung "Avvenire" und um die Führung der Vatikanbank.

Am Pfingstmontag erscheint in der Zeitung "La Repubblica" ein langes Interview. Anonym spricht einer der Verschwörer über die Motive der angeblich etwa 20 Mitglieder umfassenden Gruppe. "Corvi", werden sie von italienischen Journalisten getauft, Raben. Einer der "Raben" behauptet, es sei das Ziel der Verschwörer, den "Sumpf der Kirche" in den vergangenen Jahren aufzudecken. Ob es um Korruption im Staatssekretariat geht, wie oft behauptet, sagt die anonyme Quelle nicht. Alles geschehe zum Besten des Papstes selbst. Doch Benedikt XVI. wirkt immer mehr wie ein hilfloser Spielball der Interessen. "Er widmet Stunden um Stunden seinen Büchern, anstatt die Kirche zu steuern", sagt der Theologe Hans Küng.

Das Bild, das der anonyme Insider zeichnet, wirkt nicht völlig unrealistisch: Da seien diejenigen, die gegen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, den nominell zweiten Mann im Vatikan, arbeiteten. Und diejenigen, die Benedikt XVI. für zu schwach hielten, die Weltkirche zu führen und das sensible Gleichgewicht in der Kurie auszupendeln. Schließlich sei auch Georg Gänswein, der Privatsekretär des Papstes, ein Ziel der Angriffe. Angesichts der Schwäche des Papstes habe er zu viel Macht angesammelt, behaupten die Verschwörer. "Jetzt kämpft jeder gegen jeden, und keiner weiß mehr, wer zu wem hält", zitiert "La Repubblica" die anonyme Quelle.

Das Chaos im Vatikan wirkt komplett, auch wenn man an das am Donnerstag ausgesprochene Misstrauensvotum gegen den Chef der Vatikanbank IOR, Ettore Gotti Tedeschi, denkt. Gotti Tedeschi gilt als Vertrauter Benedikt XVI., der sich gegen die Entscheidung des Aufsichtsrates vom Donnerstag hätte auflehnen können. Dann allerdings wäre der Bruch zwischen dem Papst und seinem Kardinalstaatssekretär offensichtlich geworden. Bertone sitzt der Kardinalskommission vor, die die Entscheidungen des Aufsichtsrates überwacht. Erst der Chef der Vatikanbank, dann der persönliche Butler. Wie es scheint, wird es um den Papst immer einsamer im Vatikan.

(RP/rm/sap)
 
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