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US-Polizist wegen Mordes angeklagt
Schüsse auf Schwarzen – ein Video, das die USA schockiert

Weißer US-Polizist schießt flüchtendem Schwarzen in den Rücken
Weißer US-Polizist schießt flüchtendem Schwarzen in den Rücken FOTO: ap
Washington. Ein Handy-Video erschüttert Amerika: In South Carolina tötet ein weißer Polizist einen flüchtenden Schwarzen mit fünf Pistolenschüssen in den Rücken. Der Fall löst große Empörung aus. Denn auf Notwehr kann sich der Schütze nicht berufen. Von Frank Herrmann

Es ist ein Video, das einen kaltblütigen Mord dokumentiert. Leicht verwackelt, aufgenommen von der Handykamera eines Passanten, zeigt es, wie der Afroamerikaner Walter Scott (50) vor einem weißen Polizisten namens Michael S. flieht. Und ein paar Sekunden danach, getroffen von fünf von acht Kugeln, reglos im Gras liegt.

Schauplatz ist ein kleiner Park in North Charleston, einer 100.000-Einwohner-Stadt in South Carolina. Der Mitschnitt beginnt, als sich Scott, allem Anschein nach unbewaffnet, nach einer kurzen Rauferei von dem Polizisten losreißt. Etwas fällt zu Boden, offenbar der Taser, die Elektroschockpistole von Michael S.

Scott läuft davon, nicht im Sprint-, eher im Joggingtempo, worauf S. die Dienstpistole zieht und zielt. Siebenmal feuert er schnell hintereinander, dann, nach einer Pause, ein achtes Mal. Mindestens ein Schuss, wird man bei der Obduktion feststellen, trifft das Herz des Fliehenden.

"Hat meinen Taser genommen"

Scott strauchelt, stürzt kopfüber ins Gras, wo S. ihn anweist, die Hände auf den Rücken zu nehmen. Dann legt der Polizist seinem Opfer Handschellen an, läuft zurück zu der Stelle, an der es zum Handgemenge kam, hebt etwas auf und legt es neben den leblosen Körper. Wahrscheinlich handelt es sich um den Taser, auch das ist nicht eindeutig zu identifizieren. Statt Erste Hilfe zu leisten begnügt sich S. damit, Scott nach einer Weile den Puls zu fühlen. Auch ein herbeigeeilter Kollege, ein Afroamerikaner, macht keine Anstalten, dem Sterbenden zu helfen.

Begonnen hatte es am Karsamstag, morgens gegen halb zehn, mit einer Routinekontrolle. Unterwegs in einem grauen Mercedes älteren Baujahrs, wurde Scott wegen eines defekten Rücklichts angehalten. Warum er davonlief, darauf gibt es noch keine schlüssigen Antworten.

Später wird S. zu Protokoll geben, Scott habe versucht, ihm seine Elektroschockpistole zu entreißen. Er habe Angst um sein Leben gehabt. "Schüsse abgegeben, Person liegt am Boden. Hat meinen Taser genommen", hatte er unmittelbar nach der Tat mit erregter Stimme über Sprechfunk an seine Zentrale gemeldet. Erst als Tage später das Video auftauchte, zuerst ins Netz gestellt von der Lokalzeitung "Post and Courier", war die Geschichte als Lügenmärchen entlarvt.

Im Extremfall droht dem Polizisten die Todesstrafe

In einer Wendung, die sich anfangs kaum jemand vorstellen konnte, wird S. wegen Mordverdachts vor Gericht gestellt. Im Extremfall droht ihm die Todesstrafe. "Wenn du eine falsche Entscheidung triffst, interessiert mich nicht, ob du hinter dem Polizei-Schild stehst. Du wirst mit deiner Entscheidung leben müssen", kommentiert Keith Summey, der Bürgermeister North Charlestons.

Und Walter Scotts Bruder Anthony sagt, dass zwar nichts seinen Bruder zurückbringe, aber nun immerhin der Gerechtigkeit Genüge getan werde. Dank des Handyfilms, der es verhindere, dass die Wahrheit vertuscht werde. "Als ich ihn zum ersten Mal sah, hat mich zutiefst verletzt, dass jemand ein menschliches Wesen auf diese Weise abknallen kann. Ich konnte es einfach nicht glauben."

Folgt man einem Anwalt seiner Familie, dann war der Vater von vier Kindern mit den Alimenten im Rückstand gewesen. Er habe befürchtet, wegen des Zahlungsverzugs im Gefängnis zu landen, ausgerechnet zu einer Zeit, da es bei ihm nach turbulenten Jahren wieder aufwärtsging. Scott, so der Anwalt, sei frisch verlobt gewesen, er sei einer geregelten Arbeit nachgegangen, es schien Ruhe einzukehren in seinem Leben.

Der Fall Ferguson

Zweifellos lässt der Fall Parallelen zu Ferguson erkennen, wo im vorigen August der schwarze Teenager Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen worden war. Was beide Fälle miteinander verbindet, ist die Kluft, die zwischen den Anwohnern und den Kräften von "Law and Order" klafft:

Fast so wie in Ferguson, wo von 53 Polizeibeamten bis auf vier alle helle Haut haben, besteht das Police Department North Charlestons zu vier Fünfteln aus Weißen. Die Bevölkerungsstruktur der Stadt – 47 Prozent Schwarze, 37 Prozent Weiße – spiegelt das nicht annähernd wider.

Quelle: RP
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