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"Der Goldene Aluhut"
Ein Oscar für die irrste Verschwörungstheorie

Fotos: Die irrsten Verschwörungstheorien im Netz
Fotos: Die irrsten Verschwörungstheorien im Netz FOTO: Der Goldene Aluhut
Berlin. Die Erde ist flach, die Bundesrepublik gibt es gar nicht und Reptilienwesen beherrschen die Menschheit: Die Berlinerin Giulia Silberberger sammelt wilde Verschwörungstheorien auf ihrer Facebookseite und vergibt jetzt einen Preis für die absurdeste. Für sie ist das Bildungsarbeit. Von Oliver Havlat

Impfungen verursachen Autismus und Homosexualität, die Regierung versprüht Gift am Himmel, um die Geburtenrate zu senken, Rauchen fördert wiederum die Gesundheit und Deutschland ist kein Staat, sondern eine GmbH, die von finsteren Mächten gelenkt wird.

Giulia Silberberger winkt ab. Alles nichts Neues für sie.

Sie hat schon viel Abstruseres gesehen und gelesen. "Die verrückteste Sache ist derzeit die 'Flat Earth'-Theorie", sagt die 34-Jährige. Nach dieser Theorie haben Regierungen die Menschen jahrhundertelang betrogen und ihnen weisgemacht, die Erde sei rund. Dabei sei sie flach: Der Nordpol liege in der Mitte und die Antarktis am Rand. Aufnahmen aus dem All seien Fälschungen, auch Fotos aus Flugzeugen, die die Krümmung zeigen, seien Teile einer gigantischen Betrugsmaschinerie. "Es gibt sogar eine Crowdfunding-Kampagne, die Geld für eine Expedition ans Ende der Erde sammelt", erzählt Silberberger.

Giulia Silberberger sammelt die krudesten Verschwörungstheorien auf ihrer Facebook-Seite. FOTO: Der Goldene Aluhut

Die Betriebswirtin beschäftigt sich leidenschaftlich mit derlei Abstrusitäten. Sie ist Gründerin der Facebook-Seite "Der Goldene Aluhut", auf der sie mit einem kleinen Team Gleichgesinnter absurde Verschwörungstheorien und krude Welterklärungs-Esoterik sammelt. Knapp 23.000 Leser folgen der Seite mittlerweile. Und wer sich durch die gesammelten Posts klickt, läuft Gefahr, den Glauben an den gesunden Menschenverstand zu verlieren.

"Verschwörungstheorien sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Silberberger. "Sie begegnen uns im täglichen Leben immer wieder. Da steigt ein Mann in die Bahn ein, der völlig normal aussieht – und dann hat er ein großes Chemtrails-Plakat dabei."

Chemtrails sind ein Klassiker in der Verschwörungsszene: Die Verfechter dieser Theorie glauben, dass die Regierung Flugzeuge dazu nutzt, Gift am Himmel zu versprühen, um die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung herabzusetzen. Denn eine kleine und kranke Bevölkerung lasse sich leichter manipulieren und regieren. Als Beweis dienen den Chemtrails-Apologeten vor allem die Kondensstreifen, die Flugzeuge am Himmel hinterlassen, aber auch auffällige Wolkengebilde werden zu Giftwolken umgedeutet. Kinder, die zu Hause Entsprechendes hören, widersprechen ihren Lehrern in der Schule, wenn es um Wolkenbildung geht: "Die Kids sagen dann streckenweise, dass es Chemtrails wären und die Regierung die Wolken manipuliert."

Silberberger ist mir ihrer kleinen Truppe angetreten, dem entgegenzuwirken. "Den Leuten fehlt Medienkompetenz", stellt sie fest. "Viele glauben solche Sachen unreflektiert und verbreiten sie weiter." Das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook helfen dabei: "Informationen sind immer und überall verfügbar, aber das trifft auch auf Fehlinformationen zu."

FOTO: Der Goldene Aluhut

Wer nach bestimmten Begriffen im Netz sucht, wird oftmals vor allem die Seiten der Verschwörungstheoretiker finden und sich so Stück um Stück weiter in die kruden Theorien hineinlesen. Dazu kommt, dass Verschwörungstheoretiker jegliche anderslautende Meinung ablehnen. Wer sie kritisiert, gehört zum "Mainstream" und ist Teil der Verschwörung. Anerkannte Leitmedien werden deshalb abgelehnt, einzig Blogger und die Texte selbsternannter "Enthüllungsjournalisten" werden akzeptiert. "Filterblase" nennen Experten dieses Phänomen: Es wird nur noch das wahrgenommen, was die eigene Meinung bestärkt.

Dabei nimmt das Tempo zu. "Binnen Stunden nach einem Ereignis entstehen neue Verschwörungstheorien", hat Silberberger beobachtet. Als vor einigen Tagen die Leiche des kleinen Flüchtlings-Jungen Aylan tot an einem türkischen Strand angespült wurde, schossen kurze Zeit später die wildesten Theorien ins Kraut: Der Vater des Jungen soll plötzlich selbst Schleuser gewesen sein oder er habe sich in Kanada seine Zähne richten lassen wollen, die Leiche des Jungen sei gar nicht echt, sondern eine Puppe, das Ganze eine Inszenierung. "In den Communitys werden diese Theorien beständig weiter entwickelt, man kommt vom hundertsten ins tausendste, die kochen sozusagen in ihrem eigenen Süppchen."

Warum glauben Menschen an solch hanebüchene Dinge? Giulia Silberberger mutmaßt: "Man sucht Sicherheit in einer Welt, die immer unsicherer wird." Wo früher Religion Unerklärliches erklärbar machte, sind es heute Verschwörungstheorien, die das Unfassbare in irgendeiner Form fassbar werden lassen. Etwas Grausames wie der Tod eines unschuldigen Dreijährigen auf der Flucht aus Syrien? Das ist nicht hinnehmbar – es muss etwas viel Größeres dahinter stecken. Genau so beim Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen im Frühjahr: Es war nicht akzeptabel, dass 150 Menschen sterben mussten, weil einer krank war. Auch hier überschlugen sich die Theorien: Wurde die Maschine abgeschossen? Wird die Fluggesellschaft aus wirtschaftlichen Erwägungen geschützt? "Statt Gott lenken jetzt Verschwörer die Welt", sagte dazu in einem Interview der Amerikanistik-Professor Michael Butter von der Uni Tübingen, der sich mit dem Thema befasst hat. Das sei für viele leichter zu akzeptieren als das völlige Chaos.

Man kann über die wilden Theorien auf der "Aluhut"-Seite lachen und sie kopfschüttelnd abtun. Silberberger sieht in einigen von ihnen aber eine latente Gefahr. "Kritisch wird es dann, wo Dritte beeinflusst werden. Vor allem Kinder." Sie führt Beispiele von Kindern an, die bei öffentlichen Demonstrationen auftreten und die Regierung unter Tränen anflehen, endlich mit den Chemtrails aufzuhören. Oder Beispiele, bei denen in Notfällen medizinische Hilfe verweigert wird, weil man lieber Engel, Einhörner oder andere Wesen aus der Esoterik anruft. Oder die eigenen Kinder nicht impfen lässt, weil Impfungen angeblich schädlicher seien als die (mitunter lebensbedrohlichen) Krankheiten, vor denen sie schützen. "Da wird aktiv mit dem Leben anderer Menschen gespielt", sagt Silberberger.

Sie will vor allem durch Unterhaltung Bildungsarbeit leisten: "Wir wollen niemanden 'retten' oder seine Überzeugungen verändern. Wir wollen Menschen, die noch nicht mit Verschwörungstheorien in Berührung gekommen sind, warnen." Wer schon einmal auf der "Aluhut"-Seite über Chemtrails gelacht hat, wird, wenn er später mit einem Vertreter dieser Theorie konfrontiert wird, vorbereitet sein.

FOTO: Der Goldene Aluhut

Zur Öffentlichkeitsstrategie gehört für Silberberger deshalb auch der nicht ganz ernst gemeinte Preis, den sie am 30. Oktober vergeben wird: Den "Goldenen Aluhut" bekommt jedes Jahr der Vertreter der absurdesten Theorie. Gute Chancen haben in diesem Jahr Xavier Naidoo, der den sogenannten "Reichsbürgern" nahesteht, die die Existenz einer souveränen Bundesrepublik verleugnen, sowie die Wrage GmbH für ihre "Heilarbeit mit der Lichtenergie der Einhörner". Das Voting ist öffentlich – über 10.000 Menschen haben bereits abgestimmt.

Der Name "Goldener Aluhut" kommt übrigens nicht von ungefähr, denn das weiß man seit Jahrzehnten im Verschwörungstheoretiker-Milieu: Aluhüte, also Zipfelmützen, die aus mehreren Lagen Alufolie selbst gebastelt werden, schützen vor den Energiestrahlen Außerirdischer, die den Verstand beeinflussen. Ist ja klar.

Und dass es um den Verstand der meisten Menschen vielleicht doch gar nicht so  schlecht bestellt ist, zeigt ein Blick auf die Crowdfunding-Seite der Expedition ans Ende der flachen Erde: Bisher haben sich nur zwei Spender gefunden, die zusammen 16 Dollar in den Topf geworfen haben. Die würden wahrscheinlich schon für das Porto für die Postkarte vom Rand der Erde kaum reichen, die die Expeditionisten ihren Geldgebern versprechen. Postboten-Einhörner sind teuer.

Die Abstimmung über den "Goldenen Aluhut" läuft noch bis zum 1. Oktober 2015. Jeder kann mitmachen.

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