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"Hans Entertainment"
Der König des Belanglosen

Hans Entertainment – Der König des Belanglosen
Gestatten, Christopher Hans (21) alias "Hans Entertainment". Ob das, was er fabriziert, noch Gaga ist oder schon Dada, ist unerheblich. FOTO: Universal
Düsseldorf. Die Aufmerksamkeit, die ein dicker Junge bei Salafisten und Neonazis suchte, bekommt er heute im Netz: "Hans Entertainment" hat eine Gaga-Single in den Charts, 300.000 Facebook-Fans – und eine Vorbildfunktion. Von Tobias Jochheim

Gott sprach "Es werde Licht" – und es ward Licht.

Christopher Hans (21) lallte in seine Handykamera "Leude, kennt Ihr diesen Moment, wenn Ihr so rotzevoll seid, Alder...?!" – und ward zur Marke, zum YouTube-Star und "dicksten Fisch von Facebook" (Bild).

Das verwackelte Handyvideo vom 20. Mai, das offenkundig einen Nerv traf, endet mit den Worten "Peace Out, es folgen Videos auf YouTube, des könnter mir glauben" – und so geschah es. Rund 400 Video-Selfies hat Hans alias "Hans Entertainment" bis heute produziert, Millionen Mal wurden sie abgerufen.

Kein Inhalt, nirgends

Sie haben keinen Inhalt im engeren Sinn, nicht einmal nach den Maßstäben der YouTube-Welt: Hier macht niemand Quatsch (#LOL), streichelt Tierbabys (#catcontent) oder führt seine eigenen Kinder vor (#kidshaming). Niemand kommentiert eigene Fortschritte in Videospielen (#letsplay) oder informiert über passende Kombinationen von Lidschatten und Lippenstift (#makeup). Es packt noch nicht einmal jemand aus, was er just eingekauft bzw. von den dankbaren Herstellern frei Haus zugeschickt bekommen hat (#haul bzw. #unboxing).

Drei von vier: "Hoch die Hände Wochenende" schreibt sich anders als im Musikvideo zu sehen. Das könnte gut und gerne Absicht sein. FOTO: Screenshot

Die Video-Selfies zeigen immer nur den massigen, munter schwäbelnden 21-Jährigen, der fragt "Kennt Ihr den Hans Entertainment Moment, wenn...?" und zu Protokoll gibt, dass er rumhängt und raucht und kalten Kaffee trinkt, was einen überschaubaren Mehrwert bietet, weil man ja bereits sieht, dass er rumhängt und raucht und kalten Kaffee trinkt. "Einfach mal das Leben genießen" nennt er das und tut es in seinem Bett, vor seinem Computer, auf einem Rasenmähertraktor. Die zweite und letzte Video-Variante zeigt das "Eskalieren", sprich exzessives Feiern in Großraumdiscos. Zu beidem sagt er "so true!" (Abwandlungen: "so, so true!" und "so motherfucking goddamn true") sowie, als Höhepunkt, ein geschnaubtes "amenakoi" (in Anlehnung an einen türkischen Gossen-Ausdruck für männliche Potenzfantasien). Seine Fans nennt er liebevoll "Pimmelberger". Sowohl diese Bezeichnung als auch den Fluch hat er bei "Gillette Abdi" kopiert, von Beruf ebenfalls Facebook-Phänomen, der das Humor- und Gewaltpotenzial vom Fuchteln mit Rasiermessern thematisiert.

Er sei keine Kunstfigur, sagt Hans, doch "das meiste spiele ich ein bisschen". Falls die Fallstudie "Hans Entertainment" überhaupt eine Erkenntnis bietet, dann diese: Das "Was" ist in bestimmten Nischen endgültig irrelevant geworden. Relevant sind nur das "Wer" und das "Wie", was so viel heißt wie: möglichst krass und möglichst eingängig.

Heino meets "Money Boy"

So wird ein junger Mann erfolgreich, nicht obwohl, sondern gerade weil er 2 Meter misst und mehr als 200 Kilo wiegt, weder Schulabschluss noch ersichtliche Kompetenzen hat und im Kaff Kenzingen in Baden-Württemberg noch im Kinderzimmer bei Muttern wohnt. Ob 300.000 Facebook-Fans ein Erfolg sind, darüber mag man streiten, ein Plattenvertrag mit Universal Music indes ist greifbar. Auch wenn "Platz 1 der Top 50 Viral Charts auf Spotify" kein Meilenstein ist und sein erster und möglicherweise auch letzter Song frechster Trash ist, der nie tiefsinniger wird als im Refrain "Hoch die Hände – Wochenende!"

Ob das noch Gaga ist oder schon Dada ist unerheblich. Das Ziel sind Klicks, und dieses Ziel wird erreicht. Die Millionen-Grenze  ist schon geknackt.

Das Ganze erinnert an eine fatale Mischung aus Heino, dem österreichischen Fremdschäm-Rapper "Money Boy" und dem übergewichtigen Hacker Kim Schmitz alias Kim Dotcom. Zu allem Überfluss hatte Christopher Hans zuletzt auch Ärger mit der Justiz, weil er Nachbarn bedroht, einen Passanten mit kaltem Kaffee beschüttet und im Regionalexpress gepöbelt haben soll. "Er denkt, dass er sich wie ein König bewegen kann", erklärte der Staatsanwalt dazu.

Auf eine gewisse Weise ist er ja auch einer. Ein König der Schuljungsfantasien, ein König der Belanglosigkeiten. Im Musikvideo wackelt er mit Pornosternchen oder solchen die es werden wollen an mallorquinischen Swimmingpools vorbei. Der Clip ist ein fröhliches Feuerwerk aus Yacht-Spritztouren, Leoparden-Bikinis und Bürohochhaus-Skylines, zielsicher beschrieben mit Zeilen wie "Abrissparty ohne Ende / Unsere Zeit wird zur Legende", "Eskalation!" und "Döp-döp-döp-dö-döp". Zwischendurch wird die von Hans gestemmte Hantel zum XXL-Schnitzelbrötchen, gegen Ende befördert er einen Schönling per Check mit seinem amtlichen Bauch in einen Pool und zeigt sich oben ohne.

Dies ist nicht Platz 1 der Charts. Auch nicht Platz 1 der Spotify-Charts. Die "Spotify Viral Charts" zeigen die Songs an, die in 24 Stunden häufigsten geteilt wurden. Man beachte auch die beiden beliebtesten Kommentare. FOTO: Screenshot

Das kann man Fatshaming nennen, also Schmähkritik an Adipösen, aber vielleicht ist es auch ein Stück Emanzipation. Selbstbehauptung. Ein Sieg über die "Hater", allgegenwärtig in den Kommentaren seiner eigenen Seite mit ihrer Verachtung für alles, was er ist und wofür er steht.

Absichtliche Schreibfehler für Klicks von "Hatern"?

Ein doppelter Sieg sogar. Dass das im Video eingeblendete Hashtag #HochdieHändeWochende" genau so geschrieben ist, ohne das zweite "en" in Wochenende, dürfte Absicht sein. Teil einer Maximierungs-Logik, nach der alles erlaubt ist außer Langeweile. Je provokanter, je spaltender, desto besser. Der Klick eines Kritikers, der den Gipfel der Peinlichkeit mit eigenen Augen sehen möchte, ist genauso viel wert wie jeder andere.

Deshalb muss man ihn nicht gleich zur Identifikationsfigur für Gemobbte erklären. Ob Hans Entertainment Kinder und Jugendliche tatsächlich dazu animiert, ihr Leben zu genießen, sich weniger um Schmähkritik von Dritten zu sorgen und ihrerseits toleranter zu werden, sei dahingestellt.

Eine wohltuende Abwechslung zum Schönheitswahn der Generation Instagram allerdings ist "Hans Entertainment" allemal. Gefährlich sei das Wirken von "Hans Entertainment" jedenfalls garantiert nicht, sagt der Soziologe und Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt. Und überhaupt, wo sei der "tiefere kulturelle Wert, wenn die Großeltern Traumschiff gucken und die Eltern Duran Duran hören?"

Nonsens > Neonazis

Außerdem ist ein Spaß- doch in jedem Fall besser als ein Krawallmacher. Auf seiner Suche nach Bestätigung hatte sich Hans noch im Juni 2014 in Freiburg öffentlich von den Hasspredigern Sven Lau und Pierre Vogel zur salafistischen Variante des Islam bekehren lassen (Video) und war zuvor auch rechtsradikalen Ideen gegenüber offen gewesen. Gegen diese, so beteuert er, komplett überwundenen Phasen seiner Selbstfindung ist auch das "Spring Break"-Video mit Sekt und Nachbarsmädchen im Plastikpool auf einem Dorfacker eine zivilisatorische Höchstleistung.

Seit Neuestem hat er einen Werbedeal mit einer Eiskaffee-Marke, laut Deutschem Patent- und Markenamt könnte auch eine ganze Hans-Entertainment-Modekollektion folgen, von "Bandanas, Baskenmützen, Boas, Bodysuits" bis hin zu "Togen, Trikotkleidung, Trikots, Überziehern, Uniformen, Unterhosen, Unterwäsche, Westen, Wirkwaren" und Zylinderhüten. Momentan gibt es in seinem Fanshop "nur" vier T-Shirts, jeweils für Männer und Frauen, das Stück für 22,99 Euro.

Ist es Selbstironie oder deren komplette Abwesenheit, dass die sich außer nach Namen auch nach Preis sortieren lassen und "nach Relevanz"?

Bei den Videos würde eine solche Sortierung inzwischen durchaus Sinn machen. Weniger weil sich die Großraumdiscos, in denen er "eskaliert", so stark voneinander unterscheiden würden, oder weil sein Gejammer über einen umgefallenen Becher Eiskaffee ("Er war doch noch so jung"; 400.000 mal angesehen) so spannend wäre. Auf Platz zwei würde jenes Video landen, in dem Hans Mobbing verurteilt (oben). Auf Platz eins käme der Clip zum Thema Hetze gegen Flüchtlinge. Darin sagt er den Tränen nahe: "Kriegt euren Scheiß-Arsch hoch und kommt mal vom Hitler-Trip runter! (...) Es tut gut, jemandem etwas Gutes zu tun, dem es schlechter geht als einem selbst." Das ist zwar noch nicht ganz "Es werde Licht", aber gar nicht so weit weg von "Arsch huh / Zäng ussenander!".

So true.

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