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Bondo
Kaum Überlebenschancen für Vermisste

Bondo. Die Suche nach den acht Bergwanderern im Schweizer Kanton Graubünden geht weiter.

Wie von Geologen befürchtet ist zwei Tage nach dem gewaltigen Bergsturz in Graubünden ein weiterer Murgang mit Geröll und Schlamm zu Tal gestürzt. Rettungskräfte, die in den höheren Bergregionen nach den acht Vermissten von Mittwoch suchten, konnten rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, teilte die Polizei mit. Unter den Vermissten waren vier Deutsche aus Baden-Württemberg, wie die Polizei erklärte. Die Hoffnung, sie noch lebend zu finden, sei weitgehend geschwunden. Die neuen Geröll- und Schlammmassen schoben sich wieder am Dorf Bondo vorbei.

Die Polizei war gestern zwar weiter mit Hubschraubern und Rettungskräften sowie Spürhunden in dem Geröllgebiet. "Da sucht man jeden begehbaren Winkel ab", sagte Polizeisprecher Markus Walser. "Doch irgendwann kommt die Zeit, wo man sagt, man hat alles getan." Das Tal sei über weite Strecken bis zu 30 Meter hoch zugeschüttet.

Die Wanderer waren am Mittwoch unabhängig voneinander im Bondasca-Tal an der Grenze zu Italien unterwegs, als eine gewaltige Menge Fels von der Spitze des 3369 Meter hohen Piz Cengalo stürzte. Sie hätten in der Hütte übernachtet und seien am Mittwochmorgen in die Richtung losgewandert, in der wenig später der Bergsturz passierte.

Nach dem Bergsturz schob sich eine Geröll- und Schlammlawine zu Tal, die alles in ihrem Weg fortriss. Die Lawine floss knapp am Dorf Bondo vorbei. Ein Alarmsystem warnte die 100 Einwohner - sie wurden in Sicherheit gebracht. Erste Bewohner konnten gestern zurückkehren. Einige Zonen des Dorfes blieben aber gesperrt.

Wandern im Hochgebirge - für die Permafrostforscherin Marcia Phillips vom Schweizer Schnee- und Lawinenforschungsinstitut (SLF) in Davos ist das Beruf und Leidenschaft zugleich. "In gewissen Gegenden im Hochgebirge wird es einem aber schon manchmal mulmig." Warum? "Man entdeckt Risse in den Felsen oberhalb von 3500 Metern, die vorher nicht da waren, das sieht man nun sehr häufig."

Risse können höchst gefährlich werden, sagt die Expertin. Solange das Gestein gefroren ist, sind solche Risse mit Eis gefüllt. Wenn es aber wärmer wird, wird die Verbindung Fels-Eis schwächer. Schmilzt das Eis, kann Wasser in die Spalten dringen. "Da kann sich enormer Druck aufbauen, weil das Wasser nicht abfließen kann", sagt Phillips. "Und wenn das Wasser gefriert, entsteht besondere Sprengkraft."

Die Erwärmung infolge des Klimawandels beschleunigt das. "Ein Bergsturz wie im Bondasca-Tal ist sehr selten", sagt Phillips. Stabile Felsen brauchen aber Permafrost, also gefrorene Felswände, die deutlich unter null Grad bleiben. Nach ihren Messungen erwärmt sich der Permafrost jedoch, in Höhen von 2500 bis 3000 Metern teils schon auf nahe null Grad. "Kleinere Steinschläge gibt es deshalb öfter, vor allem, wenn große Niederschläge auf Hitze folgen", so die Forscherin.

Das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit will die wachsende Gefahr mit Geologen untersuchen. Alpinvereine müssten laut Präsident Karl Gabl überlegen, in bestimmten Regionen die Wanderwege zu verlegen.

(dpa)
 
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