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Publikums-Hit im Netz
So sieht die Ehe als Gemälde aus

Sydney. Die Ehefrau eines Künstlers in Australien beschwerte sich darüber, dass er nie ein Bild von ihnen beiden male. Daraufhin hielt der Maler einen trivialen Moment fest: Er sitzt auf dem Klo, sie putzt die Zähne. Das Gemälde ist im Netz ein Hit. Von Barbara Barkhausen

Der Ehemann sitzt auf der Toilette und liest Oscar Wilde, die Ehefrau steht halbnackt am Waschbecken und putzt die Zähne. Ein banaler und doch so persönlicher Moment. Der in Australien lebende Brite James Needham hat dieses Motiv gewählt und gemalt, nachdem seine Frau Alix sich beschwert hatte, dass er sie und auch sich selbst zwar schon unzählige Male gemalt habe, aber nie sie beide zusammen. "Nachdem unser sechster Hochzeitstag ansteht, hatte ich das Gefühl, es wäre an der Zeit, eine Art Liebeshymne zu malen", sagte Needham.

Wahrscheinlich ist es ein Zeichen unserer Zeit, in der häufig das Private öffentlich gemacht wird, dass das Bild Menschen in aller Welt fasziniert. Auf der Bild-Plattform imgur ist das Gemälde, das wie ein intimes Foto wirkt, beispielsweise fast eine Million Mal angeschaut worden. Viele schreiben, sie mögen es so gern, weil es die Ehe zwischen zwei Liebenden so treffend darstelle. "Ich denke, es ist die ehrlichste Darstellung von Liebe überhaupt", schrieb ein Social-Media-Nutzer. "Keine rosige, unrealistische Fantasie", fügte er hinzu. Ein anderer lobte die "Menschlichkeit", die es ausstrahle. Das Badezimmer mache es aus. Normal sehe niemand, was dort passiert. "Und wenn wir es sehen, dann erinnert es uns daran, dass wir alle gleich sind."

Der Brite James Needham, der seit 2013 in Sydney lebt und dort an der National Art School studiert, war über die Resonanz, die sein Bild im Internet auslöste, mehr als überrascht. "Ich bin ein wenig überwältigt von der Reaktion", schrieb der 33-Jährige in einer E-Mail. "Es scheint so viele Menschen angesprochen zu haben, und was zunächst unsere so seltsame Realität zu sein schien, ist anscheinend ziemlich normal."

Er habe über all die romantischen und idealisierten Vorstellungen von Liebe nachgedacht, die im Laufe der Geschichte gemalt worden sind. Danach habe er sich entschieden, "ein Bild etwas näher an der Realität einer modernen Beziehung zu malen". Ziel sei es gewesen, die "Intimität und Liebe" zu vermitteln und dabei auch eine Portion Humor beizubehalten. Letztere zeigt sich nicht zuletzt in dem Buch, das der Künstler - auf der Toilette sitzend - liest: Oscar Wildes "Bildnis des Dorian Gray", in dem der schöne und eitle Dorian Gray ein Porträt besitzt, das statt seiner altert und in dem sich seine moralischen Fehltritte widerspiegeln, während er selbst makellos bleibt. "So viele Selbstporträts sind so nachsichtig, und Künstler tendieren dazu, sich übermäßig heroisch darzustellen." Deswegen habe er versucht, sich zu distanzieren und selbst in so einer verwundbaren Situation darzustellen.

Kunstkritiker gingen mit dem Bild deutlich härter ins Gericht als die globale Internetgemeinde. Die australische Version des "Guardian" bezeichnete es als ein "glorifiziertes Selfie", das den gleichen Charme habe wie Kim Kardashians Intimitäten und fragte am Ende des Artikels gar: "Ist das, wo die Malerei endet - in einem Badezimmer in Sydney?"

Für den Kunststudenten, dessen Vorbilder der Spanier Diego Velázquez, die Franzosen Courbet und Manet und der deutsch-britische Künstler Lucian Freud sind, lohnt sich der Internethit, den das Bild landete: Needham hat inzwischen Dutzende Drucke des Bildes und auch das Original verkauft. "Es wird zwar schwer sein, es wegzugeben, aber es geht an einen Sammler, und ich hoffe, ich kann es dort ab und zu mal wieder anschauen gehen", sagte er.

Quelle: RP
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