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Düsseldorf
Als Deutschland für elf Tage eine Königin hatte

Düsseldorf. 1965 besucht Queen Elizabeth II. zum ersten Mal offiziell die Bundesrepublik. Die Düsseldorfer bejubeln sie am 25. Mai auf den Straßen. Von Martina Stöcker

Dass Prinzen durch ihre Straßen fahren, erleben die Düsseldorfer an jedem Rosenmontag. Aber an einem für Karnevalisten ungewöhnlichen Tag, am 25. Mai 1965, stellen sich die Menschen wieder in Reihen auf und halten Ausschau. Das Warten lohnt sich umso mehr, denn im Mai fährt in Elizabeth II. eine richtige Königin in ihrem Wagen den langen Weg von Benrath in die Altstadt. Die Kinder haben ab 12 Uhr schulfrei, damit sie winken können. 30 000 Papierfähnchen hat das städtische Werbeamt verteilt. Aber das ist viel zu wenig: 500 000 stehen am Weg und wollen Englands junge Königin (39) sehen.

Für die Bundesrepublik ist im Jahr 1965 der Besuch einer Königin eine kleine Sensation. Die letzte britische Visite liegt 56 Jahre und zwei Weltkriege zurück. Elf Tage wird die Queen durch Deutschland reisen, dabei 3000 Kilometer zurücklegen. Die Reise führt sie durch acht Bundesländer und durch zwei Dutzend Städte und Gemeinden. Zwölf Mal wird sie sich ins Goldene Buch einer Stadt eintragen, 10 000 Menschen begrüßt haben – viele von ihnen mit Händedruck.

Am achten Tag macht Elizabeth, die ihren Staatsbesuch in Bonn begonnen hat, noch einmal Station in Nordrhein-Westfalen – dem Bundesland, an dessen Entstehung die Briten maßgeblich beteiligt gewesen sind. Und es ist dasjenige, das Großbritannien am nächsten liege, sagt die Queen. "Mein Gemahl und ich sind von dem herzlichen und großartigen Empfang sehr bewegt." Köln bereitet ihr ein umjubeltes Willkommen, Düsseldorf punktet mit winkenden Massen, Duisburg setzt den freundlichen Schlusspunkt, ehe die Königin den tiefen Westen am Abend in Richtung des westfälischen Soest verlässt.

Ein Sonderzug bringt die Monarchin am 25. Mai nach Düsseldorf: Um 12.10 Uhr – fünf Minuten früher als angekündigt – rollt der Zug am 25. Mai auf Bahnsteig 2 am Bahnhof Benrath ein. Mit einem Mercedes 600 wird sie zum Schloss Benrath gefahren. Beinahe hätte es einen tödlichen Verkehrsunfall gegeben, weil eine Entenmutter just in dem Moment mit ihren 18 Küken über die Straße watschelt. Aber die Ente kennt sich aus und lässt der Monarchin im letzten Moment die Vorfahrt. Gemeinsam mit NRW-Ministerpräsident Franz Meyers begrüßt die Regentin Mitglieder der britischen Delegation und nimmt mit ihnen im Vestibül ein Frühstück ein. Auch wenn der Engländer in Sachen "Full English Breakfast" Deftiges gewöhnt ist, überraschen bei dieser Mahlzeit nicht nur Zeitpunkt, sondern auch Speisenfolge. Es gibt Känguruhschwanzsuppe, Mittelmeer-Scampi, gespickte Ochsenlende und einen Obstsalat. Wie später ein Dolmetscher berichtet, sei Elizabeth ganz ungezwungen und gelöst gewesen. Ministerpräsident Meyers verrät, die Königin habe ihn mit so vielen Fragen nach Kohle und Stahl gelöchert, dass er kaum zum Essen gekommen sei und deshalb während des Frühstücks abgenommen habe.

Die Queen ist augenscheinlich von all der Freundlichkeit äußerst angetan, und Düsseldorf hat sich für seinen Gast wirklich herausgeputzt. Karstadt an der Schadowstraße baut eine detailgetreue Nachbildung von Big Ben vor das Kaufhaus. Der Bahnhof und das Schloss Benrath sind renoviert worden. Nichts soll in schlechter Erinnerung bleiben. Oberbürgermeister Willi Becker greift gar zu ungewöhnlichen Mitteln und bringt für den Empfang im Rathaus zwei Barock-Stühle aus seinem Privatbesitz mit. Später wird ein Schild das Sitzmöbel zieren: "Auf diesem Stuhl hat Königin Elizabeth II. von England anlässlich des offiziellen Besuches im Rathaus der Stadt Düsseldorf am 25. Mai Platz genommen."

Nach dem Besuch des Schlosses setzt die Queen ihre Reise in dem Mercedes fort. Von Benrath geht es quer durch die Stadt zum Rathaus am Marktplatz. Sie fährt in einem Wagen an der Seite von Meyers, Philip folgt mit Meyers' Frau Alberte in einem Wagen dahinter. Der Ministerpräsident berichtet später, Elizabeth habe sich immer umgedreht, um sich zu vergewissern, ob der ausladende Hut seiner Frau noch an Ort und Stelle sitzt.

Schon um zehn Uhr haben sich die ersten Menschen am "Zugweg" eingefunden, Polizisten vertreiben die Wartezeit, indem sie mit den Schaulustigen "Fähnchenschwenken" üben. 300 Flaggen wehen auf der Strecke an Masten im Wind. Und als die Queen endlich "kütt", ist für viele der Anblick zu schnell schon wieder vorbei. Über die Kö sei der Wagen viel zu flott gefahren, monieren die Zaungäste. Zu kurz sei der Moment gewesen, um auf das blaue Ensemble mit Hut und Mantel einen Blick zu werfen. Und die Kinder fragen ihre Mütter, ob das nun eine richtige Königin sei.

Gegen 15 Uhr heißt Düsseldorfs Oberbürgermeister Willi Becker den hohen Gast im Rathaus willkommen, an seiner Seite die wichtigsten Vertreter aus Politik, Verwaltung und der Kirche. Manche Anwohner bieten Fensterplätze in den umliegenden Wohnungen für 50 Mark an. Unten auf dem Platz warten geduldig wieder Tausende Menschen, und einige rufen sogar "Helau". Die Stadt schenkt Elizabeth den Großen Ehrenring in den Farben Rot und Weiß, die durch eine Doppelreihe von Rubinen und Brillanten dargestellt werden. Philip bekommt für den ältesten Sohn Charles ein Briefmarkenalbum mit 400 Marken.

Um halb vier neigt sich die Zeit in Düsseldorf dem Ende zu. Elizabeth und Philip fahren zum Rheinsteiger und gehen an Bord der "MS Stadt Duisburg". In Duisburg besichtigen die Royals die Mannesmann-Werke in Huckingen, und Elizabeth überrascht mit einem mutigen Look: Sie trägt ein Kopftuch und darüber einen Schutzhelm. Die BBC nimmt die positive Stimmung auf und sendet den Satz "Die Deutschen benehmen sich, als sei es ihre Königin" in die Welt.

Die nächste Folge der "Geheimnisvollen Orte" am Samstag behandelt die Befreiung Xantens 1945 durch alliierte Truppen.

Quelle: RP
 
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