| 15.15 Uhr

Als Grönland noch grün war
Ein stabiles Klima gibt es nicht

Klimawandel: Was auf uns zukommt
Klimawandel: Was auf uns zukommt FOTO: Michael Böttinger, DKRZ/IPCC DDC
Düsseldorf (RP). Komplexe Diagramme zur Klimaentwicklung sind unsere Zukunftsweiser geworden. Sie verraten, dass nachfolgende Generationen keine Idylle erwarten wird. Aber sie verschweigen, dass es größere Klimaschwankungen immer gab und im Mittelalter am Niederrhein Wein angebaut wurde. Von Lothar Schröder

Kaum ein Naturkundezentrum, das auf sie verzichtet: Scheiben alter Bäume, deren Jahresringe Geschichten erzählen - vom Wachstum des Baumes und von Schwankungen des Klimas. Über das Holz staunt kaum noch einer. Weil sie abgelöst wurden von hochkomplexen Diagrammen über Temperatur- und Klimawandel, den neuen Zukunftsweisern.

Natürlich sind deren Aussagen höchst bedenklich, ihre Folgen drastisch. Aber sie verleiten mit Blick auf bevorstehende Extreme auch zu der Annahme, dass das Klima innerhalb eines überschaubaren Zeitraums mehr oder weniger eine feste Größe war. Dabei hat es erhebliche Schwankungen gegeben. Etwa die so genannte Kleine Eiszeit vor 300 Jahren mit Temperaturen, die auf der Nordhalbkugel um ein Grad niedriger lagen als heute. Oder die mittelalterliche Wärmeperiode zwischen 800 und 1300 nach Chr., in der guter Wein am Niederrhein und in England angebaut wurde. Grönland machte seinem Namen damals Ehre, weil es eisfrei war, ein grünes Land.

Das ist nicht lang her und doch unvorstellbar. Es lehrt, dass es ein stabiles Klima - selbst in einer von Menschen noch weitgehend ungestörten und unzerstörten Natur - nicht gibt. Und dass ein Blick ausschließlich in die Zukunft das Verstehen verkürzt. Vielleicht verführen prognostizierte und apokalyptisch wirkende Klimadaten auch deshalb manchmal zu extrem subjektivistischer Sicht: Aha, dieser Kontinent also ist dunkelrot und nicht unser, mag der eine oder andere denken. Und wer erwischt sich nicht dabei, die in Zeitdiagrammen dargestellten Szenarien abzugleichen mit der eigenen durchschnittlichen Lebenserwartung.

Diejenigen, so schreibt der französische Philosoph Émile Michel Cioran (1911-1995), "die die Zukunft vergötzen, sind solidarisch mit den Erben Adams, deren Hochmut sich als Quelle des Unheils erwiesen hat". Die Neugierde ist es, die uns treibt und antreibt - also auch den Fortschritt. Wäre Adam nicht neugierig gewesen, hätte es den Sündenfall vielleicht nicht und das Paradies noch immer gegeben.

Die Zukunft kann man nicht fliehen. Und selbstverständlich auch nicht den größtenteils segensreichen Ideen des Fortschritts. Aber mit Blick auf den Klimawandel beginnt die Zukunft mehr und mehr das zu verlieren, was lange ihren Reiz ausmachte: die Vorstellung von einer Idylle.

Noch spielt sich das Drama auf den Diagrammen und in den Köpfen der Menschen ab. Weil das Klimasystem träge ist. Aber auch die Zivilisation ist träge und ihr Wille zum Innehalten, geschweige denn zur Umkehr - so im Bereich der Kohlendioxid-Emissionen - mäßig. Bewahrung der Schöpfung, wie es die Kirche nennt, verlangt mehr.

Warum aber konnte es erst so weit kommen? Eine Erklärung unter vielen: Man hat auch die natürlich variierenden Sonneneinstrahlungen unterschätzt. Das fanden zumindest Forscher der Universität Stockholm heraus. Erkannt haben sie das mit einem Blick in die Klimageschichte - und ermittelt an alten Baumringen.

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Als Grönland noch grün war: Ein stabiles Klima gibt es nicht


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.